Cannabis als Genussmittel: Pro und Contra der Legalisierung

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Erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik wird in einem Koalitionsvertrag die Legalisierung von Cannabis angekündigt: Die Ampelregierung plant eine kontrollierte Freigabe von Marihuana als Genussmittel. Zwar muss ein entsprechendes Gesetz noch beschlossen werden – doch die Aussichten auf grünes Licht stehen gut. Vier Jahre nach Inkrafttreten soll das Modell auf seine gesellschaftlichen Wirkungen evaluiert werden. Bis dahin sind hier schon einmal die wichtigsten Vor- und Nachteile einer Cannabislegalisierung aufgelistet. 
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Am anschaulichsten erkennt man eine Zeitenwende in aller Regel am Umgang mit der Kunst: Als Peter Tosh 1976 zum ersten Mal „Legalize it“ singt, löst er, abseits von Friedensprotesten und Hippie-Jugend rund um den Globus einen Sturm der Entrüstung aus. Teilweise so gewaltig, dass seine Single schnurstracks auf den Index gesetzt wird: In Deutschland etwa bleibt das Album ab 1980 ganze 25 Jahre offiziell gelistet. 

2021 ist die Welt schon längst eine ganz andere: Zahlreiche Staaten der westlichen Welt, darunter Kanada, Teile der USA, und Uruguay haben den Konsum von Cannabis legalisiert. Und der Trend von Übersee drängt zunehmend nach Deutschland. Die Ampel-Koalition debattiert nun nicht mehr, ob dieser Schritt gegangen werden sollte, sondern eher ab welchem Alter, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Regulierungsrahmen.

Status quo 2021: Gesamtbedarf von 400 Tonnen Cannabis in Deutschland

Bereits 2019 gaben 42,5 Prozent der Deutschen an, schon mal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben. Unter den 18-25-Jährigen hatten damals ganze 23 Prozent im Laufe der vorangegangenen zwölf Monate ein- oder mehrmals zur Hanfpflanze gegriffen. 2021 lag der Gesamtbedarf an Genusscannabis dann allein in Deutschland schon bei 400 Tonnen. Insgesamt umfasst der europäische Markt rund 24,7 Millionen regelmäßige Nutzer:innen, die ein Marktvolumen von bis zu 30 Milliarden einspielen. Corinna Mühlhausen verzeichnet in ihrem Health Report 2022 nicht nur einen Konsumschub durch die Pandemie – sondern sagt dem Trend nach oben auch noch eine lange und blühende Zukunft voraus.

Vor dem Hintergrund dieser nackten Zahlen darf die bisherige Verbotsstrategie in ihrer Abschreckungswirkung als offenkundig gescheitert gelten. Über Alternativen nachzudenken, erscheint sinnvoll.

Kontrollierte Cannabisabgabe an Volljährige

Festzuhalten ist zuvorderst, dass es sich bei dem Vorhaben der Koalition um die Idee einer kontrollierten Cannabisabgabe handelt. Anders als von Kritiker:innen oft dargestellt, ist das Modell keineswegs mit einer wahllosen Freigabe zu verwechseln. Denn es beinhaltet sowohl Altersbeschränkungen als auch verschärfte Regelungen für Marketing und Sponsoring.  Und vor allem: Strikte Qualitätskontrollen für Händler:innen als Voraussetzung für eine offizielle Verkaufslizenz. Nach vier Jahren sollen die gesamtgesellschaftlichen Wirkungen der Maßnahmen evaluiert werden.

Vorteile der Legalisierung: Von Qualitätskontrolle über Jugendschutz bis zum Wrtschaftswachstum

Befürworter:innen der kontrollierten Freigabe werten schon seit Jahren die weltweit existierenden Regelungen aus. Nach ihren akribischen Analysen steht ein Sodom und Gomorrha durch eine Legalisierung an keiner Stelle zu befürchten. Ganz im Gegenteil überwiegen in erster Linie Vorteile: 

    I.     Qualitätskontrolle:  Die staatliche Aufsicht über Cannabisprodukte wäre das Ende der gesundheitlichen Gefahr durch Verunreinigungen: Auf einem Schattenmarkt sind Substanzen wie Blei, Haarspray, synthetische Cannabinoide und andere bedenkenswerte Substanzen eher die Regel als die Ausnahme. Dem wirkt eine kontrollierte Freigabe sehr effektiv entgegen.

   II.     Jugendschutz: Händler:innen härterer Drogen haben über Cannabis nur solange Zugriff auf junge Menschen, solange der Verkauf in Hinterzimmern stattfinden muss. Die Legalität ermöglicht eine ganz andere Art der präventiven Aufklärung zu wirklich schädlichen Substanzen. Ein gedankenloses „Hineinrutschen“ ist damit nicht mehr so einfach. Auch eine im Zusammenhang stehende Anschlusskriminalität wird so deutlich reduziert. 

    III.     Entlastung von Justiz und Polizei: Polizei und Justiz sparen nicht nur viel Zeit und Energie auf „Nebenkriegsschauplätzen“ wie der Kleinkriminalität durch Cannabis-Delikte. Es werden auf diese Weise laut einer Untersuchung des Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) auch ganz konkret Steuergelder eingespart: Die Berechnungen des DICE gehen von bis zu 1.4 Milliarden Euro pro Jahr aus.

   IV.     Schaffung von Arbeitsplätzen: Was dem Schwarzmarkt genommen wird, wird der Gesellschaft gegeben: Bis zu 27.000 neue Arbeitsplätze stehen durch die kontrollierte Freigabe von Cannabis in Aussicht. Und weitere 3.3 Milliarden Euro pro Jahr an zusätzlichen Steuereinnahmen.

Restiktive Drogenpolitik: Keine belegbare Auswirkung auf das Konsumverhalten

Kritiker:innen einer kontrollierten Freigabe befürchten oft, die Legalisierung könnte vor allem mehr Jugendliche zum Konsum verleiten. Dem entgegen stehen allerdings weltweite Auswertungen des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags. Untersucht wurden die Freigabemodelle von Uruguay über Portugal bis Kanada – und der Vergleich mit restriktiveren Regeln. 

Die Autor:innen der betreffenden Untersuchung kommen 2019 zu dem klaren Schluss, „dass die Verfolgung einer strikten Drogenpolitik wenig bis keinen Einfluss auf das Konsumverhalten hat. So wiesen einige der Länder mit den strengsten gesetzlichen Regelungen einige der höchsten Prävalenzraten im Hinblick auf den Drogenkonsum auf, während Länder, die eine Liberalisierungspolitik verfolgen, einige der niedrigsten Prävalenzraten aufwiesen.“

Tatsächlich schien der Konsument:innenzuwachs z.B. in Kanada eher bei Erwachsenen über 45 Jahren stattzufinden – bei Jugendlichen unter 25 hatte die Legalisierung keinen messbaren Effekt. Am heterogensten war die Lage in den USA: Dort veränderte die Legalisierung von Cannabisprodukten zumindest das Image von Cannabisprodukten zum Positiven.

THC-Psychochosen – ein ernstes Thema

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist ein in den vergangenen Jahren angestiegenes Aufkommen an THC-Psychosen. Gerade bei sehr jungen Menschen mit starkem Konsum besteht eine solche Gefahr – und ist ein durchaus ernst zu nehmender Risikofaktor. Doch anders als oft von Kritiker:innen einer kontrollierten Freigabe dargestellt,  spricht dies keineswegs pauschal gegen die Freigabe ab 18 Jahren – sondern ganz im Gegenteil, eher dafür: Einerseits vermuten Expert:innen den Grund für die vermehrten Psychosen in überzüchteten sowie synthetischen Cannabis-Sorten. Gerade durch staatliche Qualitätskontrolle könnte man hier stark regulierend einwirken und Jugendliche vor schädlichen Substanzen bewahren.

Sanity-Group-CEO Finn Hänsel fügt hinzu: „Eine kontrollierte Legalisierung sollte natürlich immer mit guten Aufklärungs- und Präventionsprogrammen in Verbindung stehen.“ Missbrauch, so der 40-Jährige, sei grundsätzlich eine Gefahr – der mit Prävention aber effektiver begegnet werden könnte als mit jeder Verbots- und Totschweigespirale. 

Zusammenarbeit von Expert:innen aus Politik, Wissenschaft und Industrie entscheidend

Wie genau die regulierte Abgabe aussehen kann oder sollte, um Gesundheits- und Jugendschutz sicherzustellen, darüber wird in der Sanity Group intensiv nachgedacht. In Frage kommen ganz verschiedene Modelle, auf die in einem der nächsten Blogbeiträge intensiver eingegangen wird. Finn Hänsel wünscht sich eine intensive Debatte: „Wir sind überzeugt davon, dass die kontrollierte Freigabe in erster Linie Vorteile bringt. Um das aber sicher zu gewährleisten, müssen politische Entscheidungsträger:innen und Expert:innen aus Wissenschaft und Industrie Hand in Hand arbeiten.“ 

Beitragsbild: Unsplash.com | Factsheet: Sanity Group