Der 1. April 2024 war ein Tag für die Geschichtsbücher. 20.000 Menschen feierten vor dem Brandenburger Tor die Teillegalisierung von Cannabis. An diesem Tag hatte das deutsche Parlament den Weg für das liberalere Cannabis-Gesetz (CanG) freigegeben, für das so viele Aktivist:innen Jahrzehnte lang gekämpft hatten.

Die meisten Anwesenden am Brandenburger Tor feierten diesen Durchbruch als Freizeit-Konsument:innen, doch das CanG betrifft auch medizinisches Cannabis: Obwohl es im Gesetz maßgeblich um Freizeitkonsum, Eigenanbau sowie Cannabis Clubs geht, wird sich auch für Cannabis-Patient:innen einiges ändern. Denn mit dem Wegfall von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz verliert auch medizinisches Cannabis seine Klassifikation als Betäubungsmittel. Das macht die Verordnung als Arzneimittel für alle Seiten deutlich unkomplizierter. Das Verschreibungsverfahren für medizinisches Cannabis wird sich deutlich vereinfachen und den Zugang zu diesem wichtigen Medikament erleichtern. 

Schon seit 2017 konnte Cannabis von Ärzt:innen als Medikament verschrieben werden. Über 200.000 Menschen in Deutschland haben bis heute auf diesem Weg medizinisches Cannabis beziehen können. Seit Inkrafttreten des CanG ist die Anzahl der neuen Patient:innen deutlich gestiegen.

Und dennoch bleibt noch viel zu tun, bis Cannabis endlich als ein ganz normales und nützliches Medikament unter vielen wahrgenommen wird.

Anti-Cannabis-Propaganda hat Spuren hinterlassen

Die letzten Jahrzehnte voller Anti-Cannabis-Propaganda und die damit einhergehende gesellschaftliche Stigmatisierung haben ihre Spuren hinterlassen. Daran will die Initiative Endlich e.V. nun etwas ändern. Mit bekannten Testimonials wie Tim Oliver Schultz, Wotan Wilke Möhring, Vanessa Mai oder René Adler startet ENDLICH die bisher größte Aufklärungskampagne Deutschlands zum Thema Medizinalcannabis. Vor der Kamera erklären die Unterstützer:innen, warum sie sich für das Thema einsetzen. Oft geht es dabei um Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld, die zu einem Umdenken mit Blick auf Medizinalcannabis geführt haben.

Was ist das Ziel der Kampagne?

Das Ziel der Kampagne: Mehr Aufklärung zum Thema, um ENDLICH einen sachlichen und faktenbasierten Dialog rund um die medizinischen Vorteile und Möglichkeiten einer Medizinalcannabis-Therapie zu ermöglichen –  und damit die weitere Entstigmatisierung von Medizinalcannabis.

ENDLICH zielt darauf ab, diese sachliche Debatte über Medizinal-Cannabis zu fördern und die Akzeptanz von Medizinal-Cannabis-Therapien sowohl in der Gesellschaft als auch der medizinischen Fachwelt voranzutreiben. Im Mittelpunkt der Kampagne stehen neben den prominenten Persönlichkeiten aus Sport, Musik, Kunst und Kultur auch Ärzt:innen, Apotheker:innen und Medizinalcannabis-Patient:innen.

Die Initiative dient dabei als Plattform, um persönliche Erfahrungen und Blickwinkel zu teilen. Die Unterstützer:innen liefern dabei wichtige Argumente für Medizinal-Cannabis als Alternative zu herkömmlichen Behandlungsoptionen. Die bisher oft von Stigmata geprägte Diskussion soll um medizinische Fakten und persönliche Erfahrungsberichte ergänzt werden. Durch die Informationsangebote zu Medizinal-Cannabis sollen viele Menschen so in die Lage versetzt werden, sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden.

Wer steckt dahinter?

Ins Leben gerufen wurde die Initiative von Matthias von Bechtolsheim von der Agentur HEIMAT, der auch die Kampagne koordiniert. “Mit unserer Kampagne wollen wir den öffentlichen Diskurs von Vorurteilen befreien und uns dafür einsetzen, dass Patient:innen unkomplizierteren Zugang zu einer Behandlung erhalten, die bereits die Lebensqualität so vieler Menschen verbessert hat“, so der Initiator.

Neben der Sanity Group engagieren sich hier auch Four20 Pharma.  “Cannabis hängt leider noch immer ein veraltetes, negatives Stigma an. Wir möchten der Pflanze eine neue Chance geben und sie wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen, denn was mit ihr leider immer noch in Verbindung gebracht wird, basiert auf alten Vorurteilen”, beschreibt Finn Hänsel, Gründer und CEO der Sanity Group, die Gründe, diese Kampagne mitzutragen, “uns ist es wichtig, zur Aufklärung und Wissensvermittlung zum Thema aktiv beizutragen.“

Umgesetzt wird die Kampagne von der Kreativagentur CMD+B (Felix Steiner), der Celebrity-Marketing-Agentur Think out of the Box (Henner Mamane) sowie der Healthcare-Agentur Achtung! InnoHealth (Simeon Atkinson). 

Die Kampagne umfasst großflächige Out-of-Home-Werbung und Wildplakatierung in deutschen Großstädten sowie TV-Werbung. Außerdem werden digitale Anzeigen, Social-Media-Kanäle und die Berichterstattung mobilisiert, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.

Mehr Infos? Klare Antworten bei „Initiative Endlich”

Wer bei diesem Thema faktenbasiert und gut informiert mitdiskutieren möchte, findet auf der Website der „Initiative Endlich” noch einmal klare Antworten auf so grundlegende Fragen wie: Was ist Cannabis? Wie wird es eingenommen?
Dazu bietet ENDLICH umfangreiches Wissen zur Geschichte und den Mythen rund um Cannabis. Und nicht zuletzt zahlreiche Studien zur medizinischen Wirkung und Informationen zur Frage: Wie kann ich selbst Patient:in werden?

Mehr Infos auf www.endlich-cannabis.de
Zu den Videointerviews: endlich-cannabis.de/unterstuetzerinnen

Cannabisarzneimittel – das galt bisher: 

Medizinalcannabis ist seit 2017 in der Bundesrepublik Deutschland erlaubt – allerdings unter sehr strengen Auflagen. Denn einen Anspruch auf Versorgung mit Cannabisprodukten konnte man nach § 31 Absatz 6 SGB bisher nur stellen wenn:

1. eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung stand

2. bestimmte Medikation nach Einschätzung des behandelnden Arztes nicht angewandt werden konnte

3. eine realistische Aussicht auf eine spürbare Verbesserung des Krankheitszustandes oder Linderung der Symptome bestand
.

Zudem waren die Hürden für die Verschreibung hoch: Immerhin fiel Cannabis, einschließlich seiner medizinischen Darreichungsformen wie Dronabinol oder Sativex, unter das deutsche Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Anträge mussten somit vorab von den Krankenkassen genehmigt werden – und viele GKV-Patient:innen klagten über eine exorbitante Ablehnungsquote. Zudem waren die verschreibende Ärzt:innen die ersten fünf Jahre verpflichtet, aufwändige Begleitdokumentationen zu erstellen. Im Ergebnis bedeutete das häufig, dass vor allem Patient:innen im Terminalstadium reale Chancen auf ein Rezept hatten. Viele andere gingen leer aus – und deckten ihren medizinischen Bedarf stattdessen entweder auf private Kosten oder, im schlimmsten Fall, auf dem Schwarzmarkt. 

Medizinalcannabis bleibt verschreibungspflichtig

Auch in Zukunft muss Medizinalcannabis von Ärzt:innen verschrieben und von Krankenkassen genehmigt werden. Die Versorgungsinfrastruktur an sich soll unangetastet bleiben. Das bedeutet: Auch in Zukunft sollen ausschließlich Apotheken Medizinalcannabis abgeben dürfen. Die Lizenzen zum Anbau erfolgen nach denselben Kriterien wie bisher. 

Kein Betäubungsmittel? Das bedeutet: Kein Betäubungsmittelrezept!

Bisher konnte Cannabis nicht über ein „gewöhnliches“ Apothekenrezept verschrieben werden, sondern nur über ein sog. „Betäubungsmittelrezept“ – damit wurde es ähnlich behandelt wie etwa Morphin oder Fentanyl. Das wird sich ab dem ersten Geltungstag des neuen Gesetzes ändern: Cannabis kann fortan per ganz normalem Apothekenrezept verschrieben werden. Das minimiert den insgesamt anfallenden bürokratischen Aufwand ungemein.

Die Hürden für verschreibende Ärzt:innen werden abgesenkt

Die Datensammlung zur Begleiterhebung wurde bereits 2022 abgeschlossen. Wenn Cannabisarzneimittel (CAM) nun nicht mehr unter das BtMG gestellt werden, haben es verschreibungswillige Ärzt:innen deutlich leichter, ihren Patient:innen Zugang zur Medikation zu gewähren.

Apotheken sparen Zeit und Geld

Auch für Apotheken macht es einen Unterschied, ob sie mit einem BtM-Stoff zu tun haben oder nicht: Diese müssen z.B. im Tresor gelagert werden, außerdem besteht eine Dokumentationspflicht. All das entfällt für Medizinalcannabis mit der Gesetzesnovelle. Das spart laut Schätzungen der Bundesregierung ganze fünf Minuten Bearbeitungszeit – pro Verordnung. Und Zeit ist Geld: In dem Fall insgesamt etwa zwei Millionen Euro Personalkosten.

Erleichterung für die Patient:innen

Wenn es leichter für Ärzt:innen wird, Cannabisarzneimittel zu verschreiben, wird es auch leichter für Patient:innen, Cannabisarzneimittel zu bekommen.

Vorsicht: § 5 Absatz 2 regelt, dass der Konsum von Cannabis im Radius von 200 Metern um Spielplätzen, Schulen, Jugendeinrichtungen, Fußgängerzonen u.ä. untersagt ist. Das gilt auch für Medizinalcannabis!
Gleichzeitig gelten die „üblichen“ Regeln für THC-Obergrenzen im Straßenverkehr für Medizinalcannabispatient:innen nicht. Daher empfiehlt es sich, beim Fahren stets einen ärztlichen Nachweis über die Medikation mitzuführen. 

Wachsender Markt für Medizinalcannabis

Branchenkenner gehen im Resultat von einem signifikanten Nachfrageanstieg aus: Der Bedarf ist bereits da, nur wurde der Markt bisher mit zahlreichen Hürden versehen. Werden diese den verschreibenden Ärzt:innen und Patient:innen nun sukzessive aus dem Weg geräumt, ist ein Wachstum von 400% – 600% denkbar.


Krankenkassen: Für einen „Genehmigungsvorbehalt“ scheint immer weniger zu sprechen

Zwar enthält das CanG soweit keine Novellen zur Kostenübernahme oder -erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen; doch könnte es zunehmend schwerer für sie werden, Therapien im selben Ausmaß wie bisher weiter abzulehnen. Schon in der Vergangenheit hatten Quoten von bis zu 40% Fachleute sehr verärgert. Bis heute reißen die Forderungen, den Genehmigungsvorbehalt abzuschaffen, nicht ab. Bisher schienen Kassen davon unbeeindruckt. Doch im Zuge der Entstigmatisierung von Cannabis könnte sich hier ein Sinneswandel einstellen. 

Fazit:

  • Die Streichung von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz wirkt sich signifikant – und positiv – auf die Verschreibungspraxis von Medizinalcannabis aus.
  • Branchenvertreter:innen wie Sanity Group CEO Finn Hänsel begrüßen diese Entwicklungen ausdrücklich, da sie sichtliche Erleichterungen für Patient:innen, Ärzt:innen und Pharmazeut:innen bedeuten.
  • Der Genehmigungsvorbehalt der Krankenkassen bleibt ein neuralgischer Punkt in der Diskussion.
  • Branchenkenner rechnen mit massivem Wachstum des Marktes für Medizinalcannabis

FAQ :
Wann tritt das neue Cannabisgesetz in Kraft?

Das CanG soll 2024 in Kraft treten. Ob dies jedoch schon zum 1. April oder erst zum 1. Juli der Fall sein wird, ist derzeit noch nicht klar. 

Was ist der Unterschied zwischen KCanG, CanG und MedCanG?

KCanG steht für “KonsumCannabisGesetz”, CanG für “Cannabisgesetz” und MedCanG für “Medizinalcannabisgesetz. Faktisch meinen die ersten beiden Abkürzungen das selbe Gesetz, das ab 2024 in Kraft treten und den Konsum von Cannabis für sämtliche angrenzende Bereiche neu regeln soll. Das MedCanG regelt lediglich die Rechtslage für Medizinalcannabis. 

Was ändert sich mit dem neuen Gesetz?

Eine der großen Veränderungen des CanG ist die Streichung von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz. Das hat auch Auswirkungen auf Menschen, die Cannabis als Medizin benötigen: Die Verschreibung und Rezeptvergabe wird nun wesentlich leichter. An den Kriterien für die Produktionslizenzen ändert sich durch die Gesetzesnovelle nichts: Schließlich ist es gerade bei Medizinalcannabis wichtig, dass die höchste Qualitätsstufe eingehalten wird.

Adele Hollmann
Senior Scientific Affairs Manager bei der Sanity Group

“Cannabis muss aus der Schmuddelecke raus” 

Die Liebe zu Cannabis hat Adele auf wissenschaftlichem Wege entdeckt: Im Rahmen ihres Studiums der Agrar- und Gartenbauwissenschaften an der Humboldt Universität hat sie sich intensiv mit der Pflanze und ihrem vielseitig einsetzbaren Potential beschäftigt. Die Arbeit an ihrem Doktortitel hat Adele zwar begonnen, wollte jedoch schnellstmöglich in die Cannabis-Branche eintauchen: Erst ein paar Praktika in den Semesterferien, dann Vollzeit bei der Sanity Group als Business Development and Education Managerin. (Ein Doktortitel lässt sich schließlich jederzeit nachholen.) 

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Aline Gralke hat sie die Marke “Grashaus Projects”, den ersten schweizerischen Pilotversuch für Genuss-Cannabis, in die Wege geleitet. 

Adele ist es wichtig, ihr Wissen mit anderen Menschen zu teilen. Kurz vor der Legalisierung in Deutschland will sie dazu beitragen, die weit verbreitete Unsicherheit sowie das vorherrschende Unwissen über Cannabis durch eine umfangreiche, studienbasierte Aufklärung aus dem Weg zu räumen . Welche Tipps sie darüber hinaus für ein großes (Frauen-)Netzwerk in der Cannabis-Branche hat, und warum sie sich manchmal wie eine moderne Hexe fühlt, erzählt Adele im Interview. 

Sanity Group: Welche Erfahrungen hast du bisher als Frau in der Cannabis-Branche gemacht?

Adele: Bisher hatte ich vor allem positive Erfahrungen, ich konnte am Anfang meiner Karriere auch leicht Fuß fassen. Allerdings merke ich langsam: Je weiter ich komme, desto mehr muss ich kämpfen. Das macht mir aber auch Spaß, denn in dieser Branche ist der Umgang freundlich. Schließlich geht es um die Passion, und alle wollen dasselbe Ziel erreichen. Sich gegenseitig zu unterstützen und zu pushen bedeutet auch, sich mit anderen Personen zu connecten. Ich bin gerne Teil von Frauennetzwerken wie bspw. CannaFem oder SheRise. Hier finden sich tolle Frauen aus verschiedenen Cannabis-Firmen zusammen, die sich untereinander austauschen und gegenseitig unterstützen. 

Du hast bereits ein großes Netzwerk in der Cannabis-Branche. Wie hast du das geschafft? 

Ehrlich gesagt, interessiere ich mich einfach für Cannabis und die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten und was sie zu erzählen haben. Allgemein herrscht in der Cannabis-Branche ein freundschaftlicher Vibe, wodurch man auch gern Zeit mit den Menschen verbringt und sich auf natürlichem Wege austauscht. Darüber hinaus gibt es ein paar Tricks, die mir geholfen haben: Ich habe ziemlich früh meinen Instagram Account green.adeleholly erstellt. Dort teile ich, wer ich bin und was ich mache. So habe ich auch bereits andere Menschen gefunden, die in der Cannabis-Branche tätig sind. Auch auf LinkedIn bin ich sehr aktiv. Es ist einfacher zu netzwerken, wenn man sich bereits online kennt und sich dann auf Messen trifft. Also würde ich jedem oder jeder ans Herz legen: Wenn ihr in diesem Bereich aktiv werden wollt, zeigt einfach, was ihr könnt, für was ihr steht und was ihr erreichen wollt.

Vielen Dank für die Tipps! Glaubst du eigentlich, dass eine besondere Verbindung zwischen Cannabis und Frauen besteht? Wenn ja, welche? 

Erst einmal: Die Pflanze, die wir zum Konsum nutzen, ist weiblich. (lacht) Außerdem gibt es viele Anwendungsbereiche, die speziell für Frauen zutreffen, in denen Cannabis genutzt werden kann, wie z. B. bei Menstruationsschmerzen oder bei PMS. Hinzu kommt, dass Cannabis aus meiner Sicht eine weibliche Wirkung hat, wenn es die richtigen Sorten sind. Die floralen Sorten lösen sehr weibliche Energien aus, sprich man wird harmonisch, liebend und vielleicht auch spirituell.

Apropos spirituell: Du hast einmal erwähnt, du würdest dich wie eine moderne Hexe fühlen. Was meinst du damit?

Im Rahmen meines Studiums bin ich Pflanzen und Pilzen sehr nahe gekommen und sie haben mich sofort gecatcht. Insbesondere die, die eine  psychoaktive Wirkung haben. Das betrifft unter anderem Cannabis, psilocybinhaltige Pilze und Ayahuasca – eben alles, was in der Natur vorkommt und verboten ist, aktuell aber wiederentdeckt wird und für bestimmte medizinische Zwecke eingesetzt werden könnte. 

Die Forschung steht noch am Anfang, es kommt aber langsam ins Rollen – vor allem in Deutschland. Ich möchte meinen professionellen Fokus auf die Wiederentdeckung von Substanzen legen, die in der Natur vorkommen und einen positiven Effekt auf uns Menschen ausüben können. Früher haben Hexen anderen Menschen mit natürlichen Substanzen geholfen, obwohl sie in der Gesellschaft nicht akzeptiert wurden. Für mich ist das eine Analogie zur modernen Hexe, denn ich möchte die Substanzen, die wir in der Natur finden können, wiederentdecken und damit einen neuen Umgang lernen. Und ich denke, das ist möglich. 

Durch dein Studium sowie eine Schulung zur Cannabis-Sommeliére hast du dich als Cannabis-Expertin etabliert. Inwiefern kannst du anderen Menschen mit deinem Wissen helfen?

Ich habe beispielsweise das Fachpersonal in der Schweiz für die erste legale Verkaufsstelle Europas geschult, indem ich mein Wissen über Wirkung, Nebenwirkungen und die Produkte weitergegeben habe. Das Fachpersonal soll somit den Kunden und Kundinnen beratend zur Seite stehen. 

Prinzipiell ist es einfach wichtig, dass wir in der aktuellen Umbruchphase gut über das Thema aufklären. Cannabis muss aus der “Schmuddelecke” raus, vor allem weil so viel Unsicherheit und Unwissen herrscht. Es gibt viele gute Studien, die wir verstehen und letztendlich auf verständliche Weise mit anderen Menschen teilen müssen. 

Außerdem sollten wir informierte Konsumentscheidungen treffen, unsere eigene Konsumkompetenz fördern und die von anderen, wenn sie diesbezüglich Hilfe benötigen. Wir sollten immer professionell und “educated” an die Sache rangehen. Vor allem in Hinblick auf die Legalisierung sollten wir mit Politiker:innen reden können. Aktivismus ist richtig und gut, wir müssen aber auch die Sprache der Politiker:innen kennen, um wirklich mit ihnen kommunizieren zu können. Nur so können wir letztendlich eine Veränderung bewirken. 

Dr. Viola Brugnatelli
Co-Founder von Cannabiscienza und Cannabiscientia SA

“Die harmonische Einführung von Cannabis im Gesundheitswesen unterstützen” 

Viola ist wissenschaftliche Autorin und Herausgeberin, Forscherin und Dozentin, (Co-)Gründerin und italienische Botschafterin der International Association for Cannabinoid Medicine (IACM): Diese Frau brennt für Cannabis!  

Ähnlich wie bei Adele gilt Violas Interesse hauptsächlich der Interaktion zwischen natürlichen Produkten (Pflanzen, Gewürzen, Lebensmitteln und endogenen Molekülen) und dem Nervensystem. Ihr Studium der Neurowissenschaften hat Viola mit einer Diplomarbeit über die Pharmakologie von “Orphan-Rezeptoren” abgeschlossen, die an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind. Darüber hinaus erforschte sie die entzündungshemmende Wirkung von CBD und Cannabis-Terpenen. Als enthusiastische Aktivistin setzt sie sich für das Recht auf eine Cannabis-Behandlung ein und treibt die wissenschaftliche Kommunikation mit der Öffentlichkeit an: Sie nimmt an zahlreichen Messen teil, schreibt für Fachzeitschriften und steht für Interviews zur Verfügung. Darüber hinaus sagt sie: “Ich setze mich für Patientenrechte, Ökologie und Gleichberechtigung ein und habe 2018 eine Non-Profit-Organisation [“LERN Herstory”] mitgegründet, die sich für die Gleichberechtigung von Frauen im europäischen Cannabisbereich einsetzt.” 

Außerdem ist sie Mitbegründerin von Cannabiscienza, einer Online-Fortbildungsplattform für Ärzte und Ärztinnen sowie Apotheker:innen. 2022 gründete sie mit ihrem Kollegen Andrea Cristofoletto das nächste Unternehmen namens Cannabiscientia SA, das sich als das führende wissenschaftlichen Zentrum für Cannabinoid-Therapien etablieren möchte, das Forschung, medizinisches Fachpersonal und Patienten und Patientinnen miteinander verbindet. Bleibt da überhaupt noch Zeit für Privates? Ja, ein wenig zumindest: Viola startet ihre Tage gerne mit Yoga und Meditation, mit guter Musik lässt sie sie ausklingen. https://cannabiscientia.com/ https://www.instagram.com/violabrugnatelli 

Mila Jansen
Die Hash-Queen

“Haschisch als lebenslanger Begleiter”  

Wer sich mit der Geschichte von Cannabis – oder um genauer zu sein mit der Geschichte von Haschisch – in Europa näher beschäftigt, kommt an dieser Ikone nicht vorbei: Mila Jansen, auch bekannt als die Hash-Queen. Aber wie kam die heute 79-jährige Titelträgerin zu dieser Ehre? 

Ihren ersten Joint rauchte Mila 1964. Sie erzählte vor einigen Jahren: “Damals gab es in Amsterdam kein Gras, also war es ein Haschisch-Joint, und den rauche ich nun schon seit über 50 Jahren.” Mittlerweile steht auch schon fast ihr 60-jähriges Joint-Jubiläum an. 

Milas jahrzehntelange Erfahrung hat ihr geholfen, die Haschischproduktion in den 90er-Jahren zu revolutionieren. Dank ihr gibt es den Pollinator®, eine Haschisch-Trommel, sowie die Ice-O-Later®-Technologie, die eine chemiefreie Abtrennung und Sammlung der Trichome einer Blüte ermöglicht. Beide Erfindungen kommen bis heute zum Einsatz. 

Wer noch mehr über sie erfahren möchte, kann sich in Milas (englischer) Biographie “How I Became The Hash Queen” auf über 500 Seiten verlieren. Das Buch ermöglicht Einblicke in das Leben einer Pionierin, die sich schon immer in einer männlich dominierten Branche durchzusetzen wusste: Mit 21 Jahren eröffnete sie die Boutique Kink 22 in Amsterdam, die ein paar Jahre später zu einem Teehaus wurde, in dem Haschisch geteilt (aber nicht verkauft) wurde. Danach lebte Mila 14 Jahre in Indien mit ihren vier Kindern, die sie mit auf Wanderungen durch den Himalaya oder an die Strände von Goa nahm. Sie gründete mit Inderinnen eine Stickerei und verkaufte Perlen- und Paillettenkleider nach New York. Schließlich landete sie wieder in Amsterdam, wo sie bis heute lebt.  https://www.instagram.com/milahashqueen/ 

Dr. Uma Dhanabalan
CEO & Gründerin von Uplifting Health & Wellness 

“Cannabis sollte eine Option der ersten Wahl sein, nicht der letzte Ausweg.”

Mit mehr als 40 Jahren Erfahrung hat sich Dr. Uma Dhanabalan auf dem Gebiet der “Pflanzenmedizin” längst etabliert, denn natürliche, ganzheitliche, ayurvedische und alternative Behandlungen sind ihr Spezialgebiet. Sie ist eine hoch angesehene Ärztin mit einer Ausbildung in Arbeits- und Umweltmedizin, außerdem Gründerin der Global Health & Hygiene Solutions LLC mit einer Praxis namens Uplifting Health & Wellness in Natick (Massachusetts) und Expertin für medizinisches Cannabis an der Massachusetts Medical Society (Medizinerverband). 

Als Ärztin setzt sie sich speziell für Cannabis als “Ausstiegsdroge” sowie als Alternative zu Opiaten zur Behandlung von Schmerzen und Entzündungen ein, die häufig mit Sportverletzungen einhergehen. Dr. Uma Dhanabalan bietet weltweit Cannabis-Beratungen an und nimmt jedes Jahr an diversen medizinischen Konferenzen teil, um als Cannabis-Aktivistin, Autorin und Expertin aufzutreten. 2018 tourte sie beispielsweise durch die USA und moderierte die Podiumsdiskussion “Doc & Jocks”, in der sie mit NFL-Profisportlern über den Einsatz von Cannabis gesprochen hat. 2023 wurde sie auf der HamCan in Hamburg mit dem “Lifetime Achievement Award” ausgezeichnet, der ihr von Adele übergeben wurde. 

Dr. Uma Dhanabalan trägt also weltweit einen immensen Beitrag zur medizinischen Aufklärung von Cannabis als Medizin und dessen Einsatzgebiete bei – mit der Hoffnung, dass Cannabis künftig nicht mehr als letzter Ausweg für Patienten und Patientinnen infrage kommt, sondern als Option der ersten Wahl. 

(The) Dank Duchess
Haschisch-Expertin 

“Der “All Weed Everything”-Lebensstil” 

Die Mission: Das Bewusstsein für Cannabis und psychedelische Wellness weltweit verbreiten. Wie? In den Printmedien, Videos und Sozialen Medien über hochwertiges Cannabis und Haschisch sprechen. Das ist der Plan der Dank Duchess, um weltweit zur Cannabis-Aufklärung beizutragen. 

Für die Dank Duchess ist Cannabis ein essentieller Teil ihrer Existenz und mit ihrer Hingabe zu einem “All Weed Everything”-Lebensstil hat sie einen Weg gefunden, es vollständig in ihr Leben zu integrieren. Vom Pflanzenanbau bis zu kulinarischen Kreationen, von der Meditation bis zum Training – sie lässt Cannabis in jeden Aspekt ihres Lebens einfließen. “Cannabis ist zum Genießen und zur Erleuchtung da”, sagt die US-Amerikanerin. “Es ist ein Hilfsmittel, und wenn es als solches verwendet wird, ermöglicht es ein tieferes Lernen und ein erweitertes Bewusstsein für uns selbst und die Welt um uns herum.” Im Rahmen ihres Studiums an der Howard University erwarb sie zuerst einen Bachelor of Science in Psychologie, danach machte sie einen Master in Landschaftsarchitektur. Durch ihre jahrelange Erfahrung im Anbau und in der Herstellung von Haschisch kann sie kleinen Farmen und großen Anbaubetrieben als Haschisch-Beraterin zur Seite stehen, indem sie ihnen die Herstellung beibringt und Tipps zur Effizienz-Steigerung gibt. 

Ihr Steckenpferd sind sogenannte “templeballs” – glänzende, sehr hübsche Haschischkugeln. Wie sie diese zubereitet, lehrt sie in Haschisch-Kursen. Für die, die nicht an einem solchen Kurs teilnehmen können, könnten auch die Videos der Dank Duchess auf Youtube interessant sein.

Ihr (Lebens-)Motto dürfte übrigens nicht überraschen: “Cannabisblüten treiben meine Kraft an und Haschisch ist meine Nische”, sagt sie. https://www.instagram.com/thedankduchess/ https://www.youtube.com/@TheDankDuchess http://thedankduchess.com/ 

Dies war Teil 3 unserer dreiteiligen Serie über die 15 einflussreichsten Frauen im Cannabis-Business. Schaut euch auch gerne Teil 1 und Teil 2 unserer Reihe an und erfahrt noch mehr über zehn weitere einflussreiche Frauen im Cannabiz

Aline Gralke
Brand Owner Grashaus Projects

Innerhalb von nur drei Jahren hat sich Aline als feste Größe in der Cannabis-Branche etabliert. Neben ihrer Rolle als Brand Owner hat sie die einzelnen Marken der Sanity Group mitgestaltet und sich auch um den Bereich New Business gekümmert. Zuletzt war sie maßgeblich am Aufbau der ersten wirklich legalen Abgabestelle Europas im schweizerischen Allschwil im Kanton Basel beteiligt. Hier ist die Sanity Group als einziges deutsches Unternehmen an den ersten schweizerischen Modellversuchen für Genuss-Cannabis beteiligt.

Aline ist eine Person, die als Frau “gelesen” wird und entsprechend auch die negativen Erfahrungen anderer Frauen im Cannabis-Business teilen kann. Sie glaubt allerdings, dass dies nicht auf die Cannabis-Branche allein beschränkt ist, sondern für viele weitere von Männern dominierte Branchen gilt, wo nicht nur Frauen, sondern auch nicht-binäre Personen und People of Color weiterhin marginalisiert werden und einigen Hindernissen begegnen, die “hetero-normative” Männer so nicht haben. Was Aline also innerhalb der Cannabis-Industrie wahrgenommen hat, deckt sich mit dem, was man auch von anderen Industrien kennt: Messen sind oft sehr gut besucht, Frauen sieht man wenige. Und nicht nur dort: “Als ich auf der letzten Spannabis-Messe in Barcelona war, dachte ich teilweise, ich habe ein Klassentreffen einer Knabenschule gecrasht”, berichtet sie, “viele Paneldiskussionen auf Messen oder zum Beispiel auf Networking Events sind immer noch sehr stark mit Männer besetzt – obwohl mir viele Frauen einfallen, die auch dort sitzen könnten und vielleicht sogar ein bisschen kompetenter wären.”
Sie nimmt aber auch wahr, dass sich das in den letzten Jahren ein bisschen gebessert hat, dass sich Veranstalter:innen mehr Mühe geben, Panel-Diskussionen diverser zu gestalten. “Man sieht viel mehr unterschiedliche Gesichter, und ich glaube, das hat auch einen sehr positiven Einfluss auf die Industrie und die Community.”

Es mag für viele überraschend sein, dass es diese Ungleichheit und Marginalisierung überhaupt noch gibt, vor allem in einer Branche, von der man annehmen könnte, dass sie grundsätzlich eher liberal und progressiv ist und die Gleichberechtigung von Frauen kein Thema mehr sein sollte. Leider scheint das nicht der Fall zu sein. In den USA ist der Anteil von Frauen im Cannabusiness in den letzten Jahren sogar von 28 auf 21 % gefallen.

Warum gibt es deiner Meinung nach noch immer so wenige Frauen im Business?

“Man könnte ja argumentieren, dass Frauen im Schnitt auch weniger Cannabis konsumieren als Männer. Ich glaube aber nicht, dass das der Grund ist, denn der prozentuale Unterschied ist jetzt nicht so groß, wie man vielleicht erwarten würde. Ich glaube, dass es eher an ähnlichen Faktoren liegt wie in anderen männerdominierten Branchen auch. Als Frau hat man einfach bestimmte Hindernisse, die man erstmal überwinden muss, wo die männlichen Kollegen vielleicht schon eine Ziellinie weiter sind. Frauen müssen sich zum Beispiel mit Aspekten wie Gender Pay Gaps auseinandersetzen. Flexibilität am Arbeitsplatz und Remote Work sind für viele Frauen auch wichtiger als für Männer.”

Viele berufliche Chancen würden auch erst durch Networking entstehen, etwas, das manche Frauen eher meiden, um zum Beispiel unangenehme oder übergriffige Situationen zu vermeiden, so Aline. Es gebe immer noch diese “Gentlemen’s Club-Systeme” in vielen Industrien, wodurch eben Frauen zum Teil weniger Zugang zu bestimmten Berufsfeldern und Industrien haben als Männer, sagt sie.

“Natürlich ist es super unangenehm, wenn du als Industrieteilnehmerin an einer Messe teilnimmst und Sales-Vertreter anstelle von zielführenden Networking-Gesprächen erst mal mit dir flirten wollen. Das ist einfach eine sehr unangenehme Situation, der man gerne aus dem Weg geht. Was natürlich dazu beitragen kann, dass sich auch weniger Frauen aktiv an dieser Industrie beteiligen möchten.”

Gibt es deiner Ansicht nach Bereiche in der Cannabisindustrie, in denen Frauen besser agieren würden als Männer?

“Ich glaube, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist. Es geht am Ende des Tages um die individuellen Fähigkeiten, die man mitbringt, zum Beispiel Empathie. Wie sehr ist man daran interessiert, die Zielgruppe auch wirklich tiefgründig kennenzulernen, ihre Bedürfnisse zu verstehen und auch zu erfüllen? Wie egozentriert arbeitet man? Ist immer alles ein Wettbewerb oder geht man vielleicht doch Kooperationen ein?” 

Was ist deine Prognose für die nächsten Jahre? Ist die geplante Legalisierung ein ermutigendes Zeichen? Oder hättest du mehr erwartet?

“Ich freue mich natürlich auf der einen Seite, dass in Deutschland etwas in Bewegung kommt. Wir haben schon sehr lange darauf gewartet und sehr lange dafür gekämpft. Ich glaube aber auch, dass Deutschland zum Teil aufgrund der EU-Gesetze die Hände gebunden sind. Aber was wir jetzt noch im Gesetzesentwurf sehen, vor allem in der ersten Säule mit den Anbauvereinigungen, das ist so restriktiv aufgesetzt, dass ich glaube, dass es sehr, sehr schwierig wird, so eine legalisierte Welt zu schaffen. Ich glaube, dass auch Konsument:innen deutlich mehr Dinge beachten müssen mit der Legalisierung als bisher. Bisher war es einfach nicht erlaubt, Cannabis zu besitzen. Das wusste man, damit konnte man umgehen. Mit den Legalisierungsplänen muss man nun so viel beachten. Ich glaube, dass wir es deutlich einfacher hätten haben können. Ich freue mich aber sehr auf die zweite Säule.” 

Warum sollten denn deiner Meinung nach mehr Frauen dem Business oder der Community beitreten und sich öffentlich zeigen?

Weil Studie nach Studie zeigt, dass dadurch bessere Entscheidungen in Organisationen  getroffen werden, wenn die Gruppe der Entscheidungsträger:innen eine diverse Gruppe von Menschen mit ganz, ganz unterschiedlichen Backgrounds ist. Und Frauen gehören da ganz klar dazu.

Lisa Haag
CEO und Gründerin von MJ_Universe

“Die weibliche Sichtweise in die Cannabis-Diskussion einbringen.”

Lisa Haag ist eine der führenden Stimmen in der deutschen Cannabis-Bewegung. Seit mehr als sechs Jahren ist sie eine der Frauen, die die Cannabisbranche maßgeblich mitgestalten. Seit 2017 ist sie aktives Mitglied im CannaFem-Netzwerk, im Juli 2018 gründete sie die MJ_UNIVERSE GmbH, dessen “Mission” sie so beschreibt: “Als Unternehmerin engagiere ich mich für Projekte, die Cannabis als Medizin voranbringen, für einen fortschrittlicheren und realistischeren Rechtsrahmen und für Aktivitäten, die Cannabis in den Mainstream bringen. Meine Mission ist es, das volle Potenzial von Hanf und Cannabis zu erschließen.”

Dafür arbeitet sie mit einem Netzwerk von spezialisierten Expert:innen zusammen, um unter anderem Unternehmen zu beraten, die sich im europäischen Cannabis-Ökosystem zurechtfinden wollen. Lisa ist außerdem Gründungsmitglied und Teil des Vorstands des deutschen Branchenverbands Cannabiswirtschaft (BvCW) e.V. 

Während in den USA bereits mehrere Frauengruppen in der Hanfszene existieren, war die Bewegung bisher in Deutschland eher männlich dominiert. Mit der Gründung des CannaFem Netzwerks in Deutschland änderte sich das. “Für Frauen bieten sich in der Cannabisbranche enorme Chancen zur Selbstverwirklichung”, so Lisa. Sie könnten so mehr Vielfalt in die Cannabis-Wirtschaft bringen. Ihr ultimativer Tipp: “Frauen sollten sich nicht unter Wert verkaufen.”

Amy Margolis
US-Cannabis-Anwältin

“Der Geschlechterdiskrepanz in der Cannabis-Branche ein Ende setzen.”

Amy Margolis hat sich in den letzten 20 Jahren als eine der renommiertesten Cannabis-Anwältinnen etabliert. Ihre Leidenschaft für die Sache, ihre fundierte Expertise und ihr Engagement für eine gerechtere und transparentere Regulierung machen sie zu einer inspirierenden Persönlichkeit in der Cannabis-Bewegung. Amy begann ihre juristische Laufbahn in Oregon, wo sie sich auf Strafrecht spezialisierte. Doch ihr Interesse für Cannabis-Recht erwachte, als Oregon 2014 den legalen Verkauf von Cannabis für den Freizeitgebrauch genehmigte. Sie erkannte das Potenzial dieses aufstrebenden Marktes und widmete sich fortan dem Schutz der Rechte von Cannabis-Unternehmen und -konsument:innen.

Ihre Kanzlei, “The Initiative Law Group,” richtet sich mit ihrem Programm ausschließlich an weibliche Cannabis-Unternehmerinnen. Amy und ihr Team zeigen Gründerinnen den Zugang zu verschiedenen Finanzmitteln auf und erstellen mit ihnen gemeinsam Businesspläne. Das Ziel: der Geschlechterdiskrepanz in der Cannabis-Branche ein Ende setzen.

Neben ihrer juristischen Tätigkeit ist Amy Margolis auch als Speakerin und Aktivistin aktiv. Sie setzt sich für die Rechte von Cannabis-Patient:innen und -Unternehmer:innen ein und engagiert sich in verschiedenen Organisationen, die sich für die Legalisierung und Entkriminalisierung von Cannabis einsetzen. www.intheinitiative.com http://www.margolislegal.com/

Bonni Goldstein
Canna-Centers Wellness & Education

“Cannabis ist Medizin.”

Über 14 Jahre lang arbeitete Bonni Goldstein als Ärztin in der pädiatrischen Notfallmedizin. Auf Dauer waren die vielen Nachtschichten jedoch nicht mehr mit ihren Pflichten als Mutter vereinbar. Gerade als sie nach einer beruflichen Alternative suchte, fragte sie ein guter Freund, der schwer erkrankt war, nach medizinischem Cannabis. Im Rahmen ihrer Recherche wurde ihr bewusst, wie erschreckend wenig sie als Medizinerin über das Endocannabinoidsystem und die Wirkung von Cannabinioiden wusste. Als ihr Freund von den positiven Wirkungen des medizinischen Cannabis berichtete, wusste sie, dass sie das nächste Kapitel ihrer Karriere gefunden hatte. Sie entschied sich, sich für den Einsatz von medizinischen Cannabis zu engagieren und eröffnete 2008 das “Canna-Centers Wellness & Education” in Kalifornien, das sich der Aufklärung von Patient:innen über die Verwendung von Cannabis bei schweren und chronischen Erkrankungen widmet. Durch ihre Arbeit ist Dr. Goldstein eine treibende Kraft bei der Integration von Cannabis in die Schulmedizin und bot schon zahllosen Menschen, die nach alternativen Behandlungsmethoden für ihre Krankheiten suchen, Hoffnung und Erleichterung. Sie hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, die Wahrnehmung von Behandlungen auf Cannabisbasis zu verändern.

Durch ihre Bücher “Cannabis is Medicine: How Medical Cannabis and CBD are Healing Everything from Anxiety to Chronic Pain (2020) und “Cannabis Revealed: How the world’s most misunderstood plant is treating everything from chronic pain to epilepsy” (2017) hat sie sich als medizinische Expertin etabliert. Dr. Goldstein ist eine gefragte Rednerin und hat ihre klinischen Ergebnisse auf zahlreichen medizinischen Konferenzen vorgestellt. Sie ist auch in der Netflix-Dokumentation “Weed the People” zu sehen. https://www.canna-centers.com/

Anja Charbonneau
Broccoli Magazine

“Der Rausch steht nicht im Vordergrund.”

Schaut man sich den Markt deutscher Magazine zur Cannabis-Kultur an, fällt schnell auf, dass das Layout bei den meisten in den 1980er Jahren stehengeblieben ist. Die Gestaltung ist wenig attraktiv und übersichtlich, die Themenwelt zementiert oft nur die Gedanken einer gewissen (männlichen) Hardcore Stoner- und Growerszene.

Ganz anders das Broccoli Magazine: ein frisches modernes Layout, verspielte Bildwelten und überraschende Themen haben das Magazin von Anja Charbonneau aus Portland zu einer unübersehbaren Größe im Cannabis-Zeitschriftenmarkt gemacht. Es erscheint dreimal im Jahr und ist nach Angaben der Herausgeberin und Chefredakteurin in über 40 Ländern erhältlich.

Im Broccoli Magazine wird der Cannabiskonsum als EIN Lebensaspekt unter vielen aufgefasst, als Lifestyle, der das Leben bereichern kann. Charbonneau möchte dem Stoner-Klischee ein vielfältigeres, realistischeres und ästhetisch anspruchsvolleres Bild entgegensetzen. Dabei wendet sich die gebürtige Kanadierin ausdrücklich an weibliche Konsumierende, eine Zielgruppe, die von der einschlägigen Literatur bislang weitgehend vernachlässigt wurde. „Es gibt viele Frauen, für die Cannabis ein wichtiges Thema ist“, sagt sie. „Sie gehen meist sehr bewusst damit um und entwickeln ihre ganz persönlichen Rituale.“ Anders als bei den meisten Männern stehe dabei jedoch nicht der Rausch, sondern das körperliche Wohlbefinden im Vordergrund. https://broccolimag.com/ https://www.gossamer.co/articles/anja-charbonneau

Dies war Teil 2 unserer dreiteiligen Serie über die 15 einflussreichsten Frauen im Cannabis-Business. Bleibt dran, und erfahrt im nächsten (und letzten) Teil mehr über zehn weitere Persönlichkeiten, u.a. über unsere Sommelière Adele Hollmann

In diesem Beitrag starten wir mit den ersten fünf einflussreichen Frauen, natürlich zuerst mit denen, die für die Sanity Group arbeiten:

Antonia Menzel
Director Public Affairs & Corporate Communications, Sanity Group

„Gerade weil die Cannabisindustrie noch jung ist, bietet sie Frauen enorme Gestaltungsmöglichkeiten.“

Seit über sechs Jahren leitet Antonia die Public Affairs-und Kommunikationsabteilung der Sanity Group. Als studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin bringt sie langjährige Erfahrung aus der gesundheitspolitischen Praxis mit. Seit Dezember 2019 vertritt sie die Sanity Group auf öffentlichen Veranstaltungen wie Messen, Konferenzen und Podiumsdiskussionen. Bereits während ihres Studiums (International Business Management und Global Political Economy) in Berlin, Kassel und St. Petersburg, war es ihr wichtig, sich an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik zu bewegen. Das brachte sie beruflich in den Public Affairs-Bereich. 

Nach ihrem Studium spezialisierte sich Antonia auf Gesundheitspolitik und beriet Unternehmen aus der Pharma-, Biotechnologie- und Medizintechnikbranche sowie aus dem Bereich Digital Health zu Public Affairs-Strategien. Und obwohl das noch zu Zeiten war, bevor das Gesetz zum medizinischen Cannabis 2017 in Deutschland eingeführt wurde, hat Antonia schon die ersten Cannabisunternehmen aus den USA und Kanada zu ihrem geplanten Markteintritt nach Deutschland beraten. 

Von der Beratung wechselte Antonia dann auf die Verbandsseite und arbeitete für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im Bereich industrielle Gesundheitswirtschaft. Als Vorstandsvorsitzende im Bundesverband pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen e.V. (BPC) setzt sich Antonia Menzel auch jetzt aktiv für die Interessen der Cannabisindustrie auf nationaler und internationaler Ebene ein. 
 
Antonia, welche Erfahrungen hast du bisher als Frau in der Cannabisbranche gemacht?  

Meine Wahrnehmung ist auf jeden Fall, dass Frauen in Führungspositionen in Cannabis-Unternehmen bislang noch unterrepräsentiert sind. Nun kann man darüber spekulieren, woran das liegt. Ich glaube, dass Frauen generell seltener das Risiko einer Unternehmensgründung eingehen. Das ist ein generelles Problem in der Startup-Branche, allgemein kann man diese Risikoaversion aber auch auf die Gesellschaft übertragen. Ich habe jedoch das Gefühl, dass die Cannabis-Branche eine Industrie ist, die alle Geschlechter gleichwertig adressieren kann. Wir bei der Sanity Group haben zum Beispiel einen ausgeglichenen Männer-Frauen-Anteil in der Belegschaft. Ich glaube aber, dass da auf jeden Fall noch mehr Potenzial ist, um in der Industrie auch Frauen mehr Chancen zu geben. 

Gibt es deiner Meinung nach eine besondere Verbindung zwischen Cannabis und Frauen? 

Ich finde, dass Cannabis im Bereich der Frauengesundheit einen großen Mehrwert hat, schon alleine im gynäkologischen Bereich, z.B. bei der Behandlung von Endometriose. Außerdem hat sich im Bereich der Naturkosmetik die CBD-Kosmetik etabliert, die sich an gesundheitsbewusste und naturbezogene Personen richtet – vor allem Frauen.

Was möchtest du den Frauen in der Cannabis-Industrie mitgeben?

Ich bin immer dafür, dass Frauen sich nicht unterkriegen lassen sollten von der Vielzahl an Männern in diesem Business. Wenn sie eine Leidenschaft für das Thema haben, sollten sie sich nicht scheuen, einen Job in der Cannabis-Industrie anzutreten, auch wenn das eine sehr volatile Branche mit vielen Höhen und Tiefen ist. Gerade weil die Cannabisindustrie noch jung ist, bietet sie Frauen enorme Gestaltungsmöglichkeiten. 

Hast du Wünsche und Ziele, was den Cannabis-Markt angeht? 

Mein Ziel ist es auf jeden Fall, dass Medizinalcannabis zukünftig in die Regelversorgung überführt wird und damit die Versorgung von Patient:innen verbessert wird. Darüber hinaus möchte ich, dass wir den Umgang mit Konsumcannabis im Rahmen wissenschaftlich begleiteter Pilotprojekte untersuchen können, um eine evidenzbasierte Regulierung zu ermöglichen.  

Hast du ein weibliches Vorbild, das dich so richtig inspiriert hat? 

Meine Großmutter! Sie war eine sehr starke Persönlichkeit. Sie hat früher alles gewuppt, hat drei Kinder gehabt, nebenbei einen Job gestemmt, hat noch zu Hause den Haushalt geschmissen und war Leistungssportlerin in der Leichtathletik. Eine tolle Frau, die sich trotz allem – obwohl sie den Krieg erlebt hat – nie hat unterkriegen lassen, sondern immer positiv geblieben ist und immer Stärke symbolisiert hat. Das hat mich sehr geprägt und positiv beeinflusst. 

Dr. Shabnam Sarshar
Co-Founder & Vision and Production Director, FemCan GmbH

”Bedürfnisse von Frauen respektieren und ernst nehmen”

Ein Großteil der Frauenkosmetik beschränkt sich hauptsächlich auf Anti-Aging oder Verjüngung. Doch kaum jemand sieht den Alterungsprozess und die Menopause als eine natürliche und schöne Phase im Leben einer Frau. Shabnam Sarshar ist eine der wenigen, die in diesen Zeiten der körperlichen Veränderungen keinen Bedarf zur Gegenwehr, sondern vielmehr eine Möglichkeit zur Unterstützung sieht.

Dr. Shabnam Sarshar ist bereits seit mehreren Jahren im Cannabis-Business tätig und seit März 2022 Mitgründerin des Unternehmens FemCan GmbH. Als Vision und Production Director plant und entwickelt sie neue Produkte im Bereich der funktionalen Kosmetik und Frauengesundheit – Themenbereiche, denen in ihren Augen noch immer zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Zudem soll FemCan ein Informationsportal von Frauen für Frauen werden: “Wir wünschen uns eine Welt, in der die Bedürfnisse von Frauen respektiert und ernst genommen werden. Dafür haben wir eine Plattform geschaffen, auf der Frauen von Expert:innen lernen oder anderen Frauen Rat und Hilfe anbieten können.” Aus ihrer Sicht hat medizinisches Cannabis auch für Frauen ein großes Potenzial, doch wird dieses Potenzial noch zu stark durch Regulierungen unterdrückt.

“In der indischen Mythologie gibt es eine Geschichte: Gott Shiva hat eine vernichtende Menge Gift zu sich genommen und in einer der Überlieferungen kommt ihm Pavarti, seine Gattin, mit einem Krug voll Bhang ´(traditionelles Milchgetränk mit Cannabis) zur Hilfe, um die Vergiftung zu lindern. Zudem sind es auch hauptsächlich die weiblichen Cannabispflanzen, die für die meisten interessant sind. Daher würde ich sagen, dass Cannabis und Frauen eine enge Beziehung zueinander haben.”  www.femcan.com

Dr. Rachel Knox
Endocannabinologin & Spezialistin für Cannabinoid-Medizin bei Doctors Knox Inc.

“Aufklärung für die Community of Color”

Dr. Rachel Knox ist eine Spezialistin für Cannabinoidmedizin und klinische Endocannabinologin mit Abschlüssen in Medizin und Betriebswirtschaft von der Tufts School of Medicine. Ihre Expertise erstreckt sich auf funktionelle Medizin, Cannabinologie und Endocannabinologie. Zusammen mit ihrer Familie gründete sie Doctors Knox, Inc., American Cannabinoid Clinics und Pivital Edu, um die Bildung im Bereich Cannabinoidmedizin und Endocannabinoidpflege zu fördern.

Dr. Rachel ist auch eine politische und regulatorische Beraterin für Cannabis und Psychedelika. Sie setzt sich für Reformen ein, insbesondere für die Aufklärung von Communities of Color über die Rolle von Cannabis, Psychedelika und anderer Pflanzenmedizin. Sie ist Mitbegründerin und Präsidentin des Cannabis Health Equity Movement™ (CHEM) sowie Vorsitzende der Association for Cannabis Health Equity and Medicine (ACHEM) und CHEM Allyance.

In Oregon leitete sie die Oregon Cannabis Commission, ist Mitglied des Cannabis Policy Oversight Teams in Portland und des Psilocybin Advisory Board von Oregon. Sie ist außerdem Vorstandsmitglied von NuLeaf PDX und engagiert sich auf nationaler Ebene in verschiedenen Gremien, darunter die Cannabis Regulators of Color Coalition (CRCC), Doctors for Cannabis Regulation (DFCR), Minority Cannabis Business Association (MCBA), American Academy of Cannabinoid Medicine (AACM) und der US Cannabis Council. https://doctorsknox.com/

Heidi Whitman
Global Business Development and Strategy Officer bei Swiss Queen


“Cannabinoide auch für Haustiere”

Ihr Interesse an Cannabis wurde bei Heidi Whitman durch ihren Vater geweckt, der es für seine Gesundheit nutzte. Sie beobachtete den Aufstieg der Cannabisbewegung und die Explosion von CBD-Marken in Kalifornien. Heidi und ihr Mann begannen, die Welt der Cannabinoide zu erforschen, und gründeten die Marke „The Naked Leaf“, die Produkte für Tiere und Menschen anbietet. Sie wollten eine Lifestyle-Marke für Tierliebhaber schaffen. Als sie versuchten, diese Produkte in Großbritannien zu lancieren, wurden sie von den Regulierungen der „Veterinary Medicines Directorate“ (VMD) ausgebremst.

Heidi reagierte schnell und startete die Marke in den USA. Dort erkannte sie, dass es in der Branche an Aufklärung fehlte. Sie setzt sich für eine bessere Aufklärung und rechtliche Rahmenbedingungen ein, um den Einsatz von CBD bei Tieren in Großbritannien zu erleichtern. Ihr größter Stolz liegt darin, das Leben von Menschen und Tieren positiv beeinflussen zu können. Sie glaubt an die Kraft von CBD und pflanzlichen Lösungen für Gesundheitsprobleme und setzt sich leidenschaftlich für die Gesundheit von Mensch und Tier ein. Heute arbeitet die gebürtige Engländerin als Global Business Development and Strategy Officer bei Swiss Queen, einem Schweizer Forschungs- und Produktionsunternehmen im Bereich Cannabis.
https://www.swissqueen.ch/

Jamie Evans
Autorin, Sommelière und Entrepreneur mit The Herb Somm

“Die kulinarischen Seiten von Cannabis bekannt machen”

Jamie Evans, auch bekannt als The Herb Somm, ist eine renommierte Persönlichkeit in der Welt von Cannabis und Wein. Als Autorin von drei Büchern, zertifizierte Sommelière und Unternehmerin hat sie sich auf die Verbindung von Cannabis, CBD und kulinarischen Genüssen spezialisiert.

Ihr Blog und ihre Lifestyle-Marke, The Herb Somm, widmet sich der gehobenen kulinarischen Seite der Cannabisbranche und bietet eine Fülle von Informationen über infundierte Lebensmittel und Getränke. Im März 2018 wurde der Blog The Herb Somm mit “Thursday Infused” ins Leben gerufen, einer Gourmet-Veranstaltungsreihe, die verschiedene Cannabis-Köche in den USA vorstellt. Diese Bildungsveranstaltungen konzentrieren sich auf die Förderung gesunder und sicherer Möglichkeiten des Konsums von Esswaren, Cannabis und CBD-Produkten.

Jamie erlangte Bekanntheit durch ihre literarische Arbeit und ihre einzigartigen Cannakulinarik-Veranstaltungen. Neben ihren Büchern hat sie zudem noch Beiträge in renommierten Magazinen veröffentlicht, darunter Wine Enthusiast Magazine, High Times Magazine und mehr.

Zudem hat Jamie auch aktiv zur Bildung und Aufklärung über CBD und Cannabis beigetragen und ist eine angesehene Persönlichkeit in der Branche. Sie ist bekannt für ihre Bemühungen, die Verwendung von CBD und Cannabis in der kulinarischen Welt und im Alltag zu fördern.
https://www.theherbsomm.com/


Dies war Teil 1 unserer dreiteiligen Serie über die 15 einflussreichsten Frauen im Cannabis-Business. Bleibt dran, und erfahrt in den nächsten beiden Teilen mehr über zehn weitere Persönlichkeiten, u.a. über Aline Gralke und Adele Hollmann von Grashaus Projects.

Was ist ein Rezepturarzneimittel?

Unter die Kategorie der Rezepturarzneimittel fallen sämtliche Arzneimittel, die einer spezifischen Herstellung bedürfen. Im Klartext bedeutet das, dass jedes Medikament individuell auf eine:n Patient:in angepasst und für diese:n in der Apotheke hergestellt wurde. Sie werden insbesondere dann verordnet, wenn gewöhnliche Fertigarzneimittel nicht ins Therapiekonzept passen oder die Dosierung auf Grund des Wirkstoffgehaltes oder der Darreichungsform unpraktikabel ist. Insgesamt werden jährlich rund 13 Million Rezepturarzneimittel in deutschen Apotheken produziert und vertrieben. Für diese Form der Medikamente bedarf es allerdings einer Verschreibung durch eine Ärztin oder einen Arzt, welcher die genaue Zusammensetzung und Konzentration der enthaltenen Wirkstoffe sowie die Patienten-individuelle Dosierung  festlegt. 

Herstellung und Vertrieb von Rezepturarzneimitteln

Das Wort “Rezepturarzneimittel” beinhaltet bereits den wichtigsten Faktor, der diese Kategorie der Medikamente umschreibt. Eine Rezeptur ist grundsätzlich eine detaillierte Anleitung zur Herstellung eines Produktes. Und genauso verhält es sich auch bei Rezepturarzneimitteln: Sie werden individuell für die Patient:innen nach präzisen Angaben der Zutaten hergestellt. Diese Angaben stammen in der Regel von dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin und sind speziell auf die Bedürfnisse der Patient:innen ausgerichtet. Zudem muss bei der Herstellung auf “lege artis”, also dem Stand der pharmazeutischen Wissenschaft, geachtet werden, was Dokumentation der Herstellung, ein strenges Hygienemanagement und teilweise ein Vier-Augen-Prinzip mit einschließt. Aus diesem Grund sind die Herstellung und auch der Vertrieb von Rezepturarzneimitteln nur Apotheker:innen vorbehalten. 

Cannabis als Rezepturarzneimittel

Cannabisblüten und -extrakte zählen im Allgemeinen zu den Rezepturarzneimitteln, da sie von einem Arzt oder einer Ärztin in bestimmten Mengen und Dosierungen hinsichtlich gegebener Indikationen verschrieben werden müssen. Anschließend werden sie von Apotheker:innen nach den Angaben der Ärzt:innen abgewogen und verpackt.

Auch Dronabinol- oder Cannabidiol-Zubereitungen gelten als Rezepturarzneimittel, da die Wirkstoffe in reiner Form  vorliegen und dementsprechend erst in einem Trägermittel (z.B. Öl oder Ethanol) gelöst und auf die verordnete Konzentration eingestellt werden müssen.

Was ist ein Fertigarzneimittel?

Ein Fertigarzneimittel ist das Gegenstück zum individualisierten Rezepturarzneimittel. Fertig bedeutet in diesem Sinne “bereit für die direkte Einnahme”. Diese Medikamente haben einen langen Weg an Tests, Überprüfungen und Studien hinter sich, um als fertiges Produkt in den Handel zu kommen: Sie müssen insgesamt drei Phasen an klinischen Studien und ein Zulassungsverfahren durchlaufen, ehe sie als Fertigarznei über den Apotheker-Tresen wandern dürfen. Und sogar nach der Zulassung gibt es weitere Tests und Studien, um diesen Status beibehalten zu dürfen.

Der Wirkstoffgehalt der einzelnen Produkte ist hier bei jeder Charge identisch, was die Dosierung erleichtert. Somit ist gewährleistet, dass, egal wann und wo das Medikament gekauft wird, es immer die gleiche Zusammensetzung beinhaltet. Typische Merkmale für Fertigarzneimittel sind Blisterpackungen und Beipackzettel. Die Packungen sorgen für eine einfache Einteilung und dienen als Schutz vor Licht und Wärme.

In der Regel werden Fertigarzneimittel für die spezifischen Indikationen verschrieben, welche im Zulassungsverfahren beschrieben wurden. Doch im Rahmen des sogenannten “Off-Label-Use”, also der Verwendung außerhalb des empfohlenen Anwendungsbereich, können diese Medikamente auch bei anderen Indikationen mit abweichender Dosierung verschrieben werden.

Herstellung und Vertrieb von Fertigarzneimitteln

Die Herstellung von Fertigarzneimitteln findet in pharmazeutischen Industrien statt. Hier werden die Wirkstoffe auf das Nanogramm genau dosiert und bieten somit Zuverlässigkeit, was den Wirkstoffgehalt einer einzelnen Tablette oder Tropfen angeht. Aufgrund der Studien und des Zulassungsverfahren können diese Mittel größtenteils auch ohne ärztliche Verschreibung erworben werden. Doch auch Fertigarzneimittel, welche der Verschreibungspflicht unterliegen, sind bereits fertig für die direkte Einnahme verpackt und können ohne weiteres Zutun vertrieben werden.

Cannabis als Fertigarzneimittel

Auch im Bereich Cannabis gibt es Fertigarzneimittel, jedoch ist die Anzahl sehr überschaubar: Lediglich die Medikamente Sativex und Canemes dürfen als Fertigarzneimittel verschrieben und vertrieben werden. Ein weiteres Medikament, Epidyolex, zählt zwar ebenfalls in diese Kategorie, enthält jedoch ausschließlich den Wirkstoff CBD und wird gegen Krampfanfälle im Zusammenhang mit dem Lennox-Gastaut- oder dem Dravet-Syndrom verabreicht.

Bei Sativex handelt es sich um ein Dickextrakt, welches aus der Cannabis gewonnen und auf die Bestandteile THC und CBD als Reinstoffe in gleichen Teilen reduziert wurde. Dieser Extrakt wird verdünnt und ist anschließend als Mundspray erhältlich. Sativex wird häufig bei Spastiken im Zusammenhang mit Multiple Sklerose.

Canemes hingegen beinhaltet synthetische Cannabinoide. Der enthaltene Wirkstoff Nabilon wirkt deutlich stärker als THC und wird in der Regel zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Patient:innen, die sich einer Chemotherapie unterziehen, sowie zur Behandlung von Appetitlosigkeit bei AIDS-Patienten eingesetzt.

Was ist der Unterschied zwischen Rezeptur- und Fertigarzneimitteln?

Der größte Unterschied liegt in der Herstellung der Produkte. Während Fertigarzneimittel in großen Mengen industriell hergestellt werden, müssen Rezepturarzneimittel einzeln von Apotheker:innen aufbereitet werden. Ob es sich dabei nun um das Anrühren einer Salbe oder die Umverpackung von Cannabisblüten handelt, ist irrelevant. Und dennoch sind Rezepturarzneimittel unabdingbar und oftmals besser für die Patient:innen geeignet, als die herkömmlichen Fertigarzneimittel. Doch dafür sind Fertigarzneimittel deutlich einfacher in der Herstellung und im Vertrieb – jede Kategorie hat ihre Vor- und Nachteile.

Vor- und Nachteile Rezepturarzneimittel

Der wohl größte Vorteil von Rezepturarzneimitteln ist die Tatsache, dass diese Medikamente genau auf den oder die zu behandelnde Patient:in angepasst sind. Bei der Herstellung können daher spezifische Stärken, Darreichungsformen (wie Cremes, Gels oder Flüssigkeiten) und Allergien berücksichtigt werden. Insbesondere Patient:innen, die beispielsweise Schwierigkeiten haben, Tabletten zu schlucken oder bestimmte Allergien oder Unverträglichkeiten haben, profitieren enorm von dieser Individualisierungsmöglichkeit. Zudem ist es möglich, verschiedene Wirkstoffe zu kombinieren, die als Fertigarzneimittel nicht zur Verfügung stehen. Somit bekleiden die Rezepturarzneimittel die unabdingbare Rolle der Lückenfüller, überall dort, wo Fertigarzneimittel nicht ins Konzept passen.

Ein weiterer Vorteil ist die Flexibilität von Rezepturarzneimitteln, insbesondere über einen längeren Zeitraum. Die Individualisierung einer Rezeptur ist dabei etwas einfacher zu handhaben als bei Fertigarzneimitteln. Entstehen während einer Therapie unerwünschte Wirkungen oder Unverträglichkeiten, können einzelne Bestandteile der Rezeptur entfernt, reduziert, erhöht oder durch andere ersetzt werden. Beispielsweise kann bei einer Therapie mit einem Cannabis-Extrakt die Dosierung von THC reguliert oder durch CBD ergänzt werden, um die Verträglichkeit zu erhöhen.

Die Nachteile von Rezepturarzneimittel sind zwar überschaubar und trotz der positiven Vorteile nicht zu vernachlässigen: Der reine Herstellungsprozess von Rezepturarzneimitteln ist im Vergleich zu Fertigarzneimitteln deutlich zeitaufwendiger und bedarf einer durchgängigen Kontrolle und Dokumentation. Und da jedes einzelne Medikament einer solchen Überwachung bedarf, sind die Kosten von Rezepturarzneimitteln oftmals um einiges höher als die von Fertigarzneimitteln.

Ein weiterer Nachteil kann auch die Variabilität der Medikamente darstellen. Im Gegensatz zu Fertigarzneimitteln muss das Basismaterial von Hand weiterverarbeitet werden. Dabei kann es zu Abweichungen kommen, wenn nicht präzise genau gearbeitet wird oder wie im Fall eines Naturprodukts wie Cannabis, das Ausgangsmaterial andere Werte aufweist, als die letzte Charge. Zudem kann es bei dem händischen Herstellungsprozess noch immer zu Kontaminationen und Verunreinigungen kommen, wenn unsauber gearbeitet wird.

Vor- und Nachteile Fertigarzneimittel

Ein großer Vorteil der Fertigarzneimittel ist die Verlässlichkeit: Egal wo und wann man das Medikament erhält, es wird immer exakt denselben Wirkstoffgehalt und die gleiche Zusammensetzung aufweisen. Das macht es nicht nur einfacher für Patient:innen eine korrekte Dosierung einzuhalten, sondern erleichtert auch den behandelnden Mediziner:innen die Verschreibung dieser Medikamente, da die Wirkung dank der Studien und dem Zulassungsverfahren relativ vorhersehbar ist.

Das Zulassungsverfahren und die vielfältigen Studien bieten zudem eine solide Evidenz hinsichtlich Qualität, Reinheit und Wirksamkeit der Arzneimittel. Erst durch dieses Verfahren ist es möglich, die Medikamente sicher und weitreichend Patient:innen und Krankenhäuser zur Verfügung zu stellen. Bis ein Medikament so weit ist, muss viel Geld und Zeit investiert werden. Doch hat es einmal den Status des Fertigarzneimittels erreicht, kann es kosteneffizient produziert und somit auch günstiger als Rezepturarzneimittel in den Handel gebracht werden.

Zu den Nachteilen zählt die begrenzte Anpassungsfähigkeit: Die Dosierung kann zwar durch das Zerteilen einer Tablette reduziert werden, jedoch ist es nicht möglich einzelne Wirkstoffe, die Nebenwirkungen oder Unverträglichkeiten bei Patient:innen hervorrufen, aus dem Produkt zu entfernen. 

Ein weiterer Nachteil davon ist auch, dass man eine Tablette maximal in zwei Hälften teilen und somit die Dosierung allerhöchstens halbieren kann. Insbesondere bei sehr alten und sehr jungen Patient:innen wird meist nur eine niedrige Dosis benötigt, die durch das Zerteilen häufig nicht erreicht werden kann.

Ab wann ist ein Arzneimittel verschreibungspflichtig?

Ein Medikament unterliegt in der Regel der Verschreibungspflicht, wenn es von den Aufsichtsbehörden als verschreibungspflichtiges Medikament eingestuft wird. Die Entscheidung, ein Medikament als verschreibungspflichtig einzustufen, basiert auf verschiedenen Faktoren wie potenziellen Risiken, Nebenwirkungen, therapeutischen Vorteilen und dem Bedarf an ärztlicher Anleitung bei der Anwendung. Zu diesen Medikamenten gehören Betäubungsmittel, Antibiotika, potenziell schädliche/toxische Medikamente und solche, die für schwerwiegende Erkrankungen gedacht sind oder einer speziellen professionellen Verabreichung bedürfen.

Cannabis zählt hauptsächlich zu den verschreibungspflichtigen Medikamenten, da der wissenschaftliche und pharmazeutische Wissensstand hinsichtlich Wirkung und Nebenwirkungen noch immer unzureichend ist. Da mögliche Risiken und Langzeitschäden noch nicht ausreichend erforscht und belegt sind und Cannabis mit einem Gehalt von > 0,2 % Delta-9-THC zudem als Betäubungsmittel gilt, ist es weiterhin ein verschreibungspflichtiges Medikament.

Welche Art von Arzneimittel ist medizinisches Cannabis?

Cannabis oder seine Bestandteile gibt es sowohl als Rezeptur- als auch als Fertigarzneimittel, wobei letztere nur zwei bis drei Produkte inkludieren. Blüten, Extrakte und Zubereitungen die Dronabinol oder Cannabidiol enthalten werden als Rezepturarzneimittel vertrieben. Nun stellt sich für viele die Frage, warum nicht auch diese Produkte als Fertigarzneimittel angeboten werden können. Der Grund hierfür liegt in der Natur von Cannabis oder eher in der Natur selbst: da es sich bei Cannabis um ein Naturprodukt handelt, können die Abweichungen hinsichtlich Wirkstoffgehalt und Qualität zwischen unterschiedlichen Produkten sehr groß sein. Ein Fertigarzneimittel hingegen muss den Studien und dem Zulassungsverfahren mit einer gleichbleibenden Wirkstoffzusammensetzung standhalten können, was bei einem Naturprodukt schier unmöglich ist. Um eine Blüte als Fertigarzneimittel auf den Markt bringen zu können, dürfte diese Sorte zu keiner Zeit und in jeder Charge von den im Zulassungsverfahren festgehaltenen Werten abweichen. Und diese Werte umfassen nicht nur THC und CBD: Da sich die Forschung allmählich immer mehr dem Thema Terpenen und Entourage-Effekt zuwendet, müssten dementsprechend auch sämtliche weiteren Cannabinoide und Terpene stets auf demselben Level befinden. Deswegen wäre es auch bei Extrakten, welche aus der Pflanze gewonnen wurden, ebenso utopisch, einen perfekt gleich bleibenden Wirkstoff- und Terpengehalt einzuhalten. 

Sativex und Canemes, als einzige THC-Fertigarzneimittel, umgehen diese Widrigkeit, indem ausschließlich Reinstoffe genutzt werden – in diesen Medikamenten sind also keine weiteren Cannabinoide oder Terpene enthalten. Und nur auf Grund der Nutzung von Reinstoffen war es diesen Arzneimitteln möglich, als Fertigarzneimittel in den Handel zu gelangen, da der Wirkstoffgehalt präzise eingehalten werden kann.

Wer stellt ein Rezept für solche Arzneimittel aus?

Jeder Facharzt und jede Fachärztin kann hinsichtlich seines oder ihres Fachgebietes verschreibungspflichtige Medikamente verschreiben, sofern die Indikationen dafür gegeben sind. Auch Allgemeinmediziner:innen können solche Verschreibungen tätigen.

Hinsichtlich Cannabis hat sich die Lage vor einigen Jahren etwas geändert: Das Gesetz „Cannabis als Medizin“ ermöglichte im März 2017 die Verordnung von medizinischem Cannabis. Seitdem ist es sämtlichen Ärzt:innen (außer Zahnmediziner:innen und Tierärzt:innen) erlaubt, ohne Indikationsbeschränkung Cannabis als Medizin zu verordnen.

Ist eine Kostenübernahme möglich?

Über die Möglichkeiten einer Kostenübernahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten entscheidet in der Regel die Krankenkasse, welche häufig vom Medizinischen Dienst (MD) unterstützt wird. Im speziellen Fall von medizinischen Cannabis gilt ein Anspruch auf eine Kostenübernahme, wenn

  1. eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung
    1. nicht zur Verfügung steht oder
    2. im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung der behandelnden Vertragsärzt:in unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann
  2. eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht. 

Ob Symptome nun als “schwerwiegend” oder nicht klassifiziert werden, liegt im Ermessen des Medizinischen Dienstes. Da Cannabis-Therapien aktuell meist noch von experimenteller Natur sind, wird der MD hinzugezogen, um die Notwendigkeit oder Plausibilität einer Kostenübernahme zu evaluieren.

Entscheidet der MDK oder die Krankenkasse sich gegen eine Kostenübernahme, so kann Cannabis als Medizin trotzdem verschrieben und eingesetzt werden – allerdings unter dem Vorbehalt der Selbstzahlung. Selbstzahler:innen können somit Kosten in Höhe von mehreren hundert Euro im Jahr anfallen.

FAQ

Wo kann ich Fertigarzneimittel kaufen?

Fertigarzneimittel kann man in jeder Apotheke erwerben oder auch in Online-Apotheken bestellen. Auch verschreibungspflichtige Medikamente können heutzutage online geordert werden. Einige nicht verschreibungspflichtige Medikamente findet man auch in ausgewählten Super- oder Drogerie-Märkten.

Wie viel kosten Rezepturarzneimittel?

In der Regel sind Rezepturarzneimittel teurer als Fertigarzneimittel. Das liegt einerseits daran, dass die Herstellung von Fertigarzneimitteln im großen Stil und wirtschaftlich effizient vonstatten geht und andererseits bedürfen Rezepturarzneimittel immer einer Verordnung und eines oder einer Apotheker:in, welche:r die Rezeptur herstellt. All das erzeugt zusätzliche Kosten, welche am Ende an die Krankenkasse oder die Patient:innen weiterberechnet wird.

Wie bekomme ich ein Rezepturarzneimittel?

Ein Rezepturarzneimittel kann nur von einem Arzt oder einer Ärztin verordnet werden. In der Regel geschieht das, wenn Fertigarzneimittel aus verschiedenen Faktoren ungeeignet für den oder die Patient:in sind oder aus anderen Gründen eine Notwendigkeit für ein speziell angepasstes Medikament vorliegt.

Was haben ein traditionelles chinesisches Zeremonienkostüm, ein Prototyp von Tom Ford und so manch veganer Cappuccino von Tulum bis Tel Aviv gemeinsam? Die entscheidende Zutat: Nutzhanf. Von Nutzhanf spricht man, wenn die Cannabispflanze mit dem Ziel einer nicht-narkotischen Endnutzung gezüchtet wird. Nach der Ernte werden Bestandteile wie Samen, Fasern, Schäben, Blüten und Blätter weiterverarbeitet. Etwa in Textilien, Baustoffen oder Nahrungsmitteln für Mensch und Tier – und das bereits seit langer Zeit.

Wer darf Nutzhanf anbauen?

Für Nutzhanfpflanzen gilt in Deutschland bisher: Die Pflanzen dürfen nicht mehr als 0,2 Prozent THC enthalten, schließlich sollen sie nicht als Rauschmittel zum Einsatz kommen. Von ihren berauschenden Verwandten unterscheiden sie sich darüber hinaus durch einen in der Regel deutlich höheren Faseranteil. EU-weit sind aktuell insgesamt 52 festgelegte, zugelassene Samensorten erlaubt. Doch bei Weitem nicht jede:r darf sie einfach in die Erde legen: Hierzulande ist lediglich Landwirt:innen der Anbau gestattet. Wer als solche:r gilt, ist sehr klar definiert: „Landwirt ist, wer als Unternehmer ein auf Bodenbewirtschaftung beruhendes Unternehmen betreibt.“ Angrenzende Berufsfelder wie Weinbauer:innen, Imker:innen oder Förstereibetriebe sind ausdrücklich von der Möglichkeit einer entsprechenden Lizenz ausgenommen. 

Anwendungsgebiete: Von der Bluse bis zum Automobil

Die Anwendungsgebiete für Nutzhanf sind so vielseitig, dass man aus dem Aufzählen kaum herauskommt, sobald man einmal begonnen hat: Schon die ersten gewebten Menschenkleider waren aus Hanffasern, die Gutenbergbibel wurde auf Hanfpapier gedruckt und Hanf konnte in der Schifffahrt als Abdichtungsmaterial den sieben Weltmeeren trotzen. Heute wird er immer noch gern als Basis für Papier oder Textilien verwendet, gilt außerdem als proteinreiches Superfood, als biologisch abbaubare Alternative zu Plastik und CO2-sparender Beton. Der Autobauer Tom Ford soll gesagt haben: „Warum sollten wir Wälder abholzen, die für ihr Wachstum Jahrhunderte gebraucht haben und Rohstoffminen erschöpfen, die sich in unzähligen Jahren gebildet haben, wenn wir jährlich das Äquivalent von Wald- und Bergwerksprodukten auf einem Hanffeld ernten
können?“

Er selbst hatte 1941 in einem Prototyp des wahlweise als Hemp- oder Soybeancars bezeichneten Autos eine Karosserie aus einer Mischung von Hanffasern und weiteren Materialien gebaut. Sie war um ein Drittel leichter als ein Äquivalent aus Stahl – und zudem deutlich stoßfester. Der Treibstoff für das Fahrzeug basierte auf Hanföl. 

Umwelt-Vorteile von nutzhanfbasierten Alternativen auf einen Blick:

  • Wasserersparnis: Als Textilalternative zu z. B. Baumwolle sind beim Anbau Einsparungen von bis zu 80 Prozent möglich.
  • Pestizidreduktion: Im Hanfanbau sind weniger Pestizide nötig; Böden, Grundwasser und Insekten werden so geschont.
  • CO2-Reduktion: Hanffasern sind reißfest, robust und langlebig – die Produktionszyklen für damit hergestellte Dinge können daher in der Taktung verringert werden, das spart CO2. Außerdem werden aus Hanf viele Alternativen zu grundsätzlich viel CO2-intensiveren Produkten hergestellt, wie etwa Beton. 
  • Biologisch abbaubar: Hanf ist – anders als etwa Rohöl – biologisch abbaubar.

CBD in Nutzhanf

Auch Cannabidiol (CBD) lässt sich aus Nutzhanf gewinnen. CBD ist eines von über 100 in der Hanfpflanze enthaltenen Cannabinoiden und seinerseits ausgesprochen vielseitig: Es gilt als entzündungshemmend, angstlindernd, entkrampfend. Das macht es sowohl medizinisch wertvoll als auch kosmetisch interessant. Sowohl in der Behandlung von Epilepsie als auch in der von sozialen Phobien konnten damit Erfolge erzielt werden. Beliebt ist es auch als Beruhigungstee oder Öl. Seine antioxidativen Eigenschaften haben ihm wiederum einen festen Platz in einem aktuellen Beauty-Hype verschafft: Hier gilt Cannabidiol als Helfer gegen Rosacea, Neurodermitis und Akne – oder einfach als Unterstützung für einen frischen Teint. Der Wirkstoff hat keinerlei berauschende Wirkung. Daher wurde 2020 vom EuGH verfügt, dass natürlich gewonnenes Cannabidiol nicht als Betäubungsmittel eingestuft werden darf.

Ist CBD in Deutschland legal?

Doch wer nun davon ausgeht, dass CBD ergo in allen Darreichungsformen legal sei, freut sich zu früh. Denn während der Erwerb und Besitz von CBD in Kosmetika kein juristisches Problem darstellen, sieht das bei CBD-Blüten schon ganz anders aus. In Deutschland werden „Pflanzen und Pflanzenteile der zu Gattung Cannabis gehörenden Pflanzen“ rechtlich als nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel eingestuft. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass zwar extrahiertes CBD – wie es z. B. in Ölen verwendet wird – erlaubt ist. Doch Pflanzenteile wie Blüten sind auch beim Nutzhanf noch Teile der zitierten „Gattung Cannabis“ – und fallen damit unter das Betäubungsmittelgesetz. Der Gesetzgeber argumentiert hier folgendermaßen: Auch bei sehr niedrigem THC-Gehalt besteht eine theoretische Möglichkeit, den psychotropen Wirkstoff zu extrahieren und in ausreichender Menge dann konzentriert zu Rauschzwecken zu missbrauchen.

Fazit:

  • Nutzhanf ist vielseitig einsetzbar: Nahezu alle Teile der Pflanze können verwertet werden
  • Nutzhanf ist als Basis für Textil, Papier oder Plastik sehr robust, in Kosmetik beliebt und als Nahrungsmittel kerngesund
  • Nutzhanf gilt als ökologisch hochverträglicher Rohstoff
  • Aus Nutzhanf gewonnenes CBD ist nur in Teilen legal – Blüten fallen immer noch unter das Betäubungsmittelgesetz

FAQ

  • Wo kann Nutzhanf überall verwendet werden? Nutzhanf hat unzählige Verwendungsmöglichkeiten: In Textilien, Papier oder Baumaterialien wie Steinen, Beton oder Dämmungen. Aber auch als Wirkstoff in Kosmetikprodukten wie Hautcremes oder Shampoos sowie Nahrungsmitteln, wie z. B. Hanfsamen oder Hanfmilch. 
  • Was sind Cannabinoide Cannabinoide sind chemische Verbindungen, die in der Cannabispflanze, aber auch im menschlichen Körper vorkommen. 

Cannabis ist das mit Abstand beliebteste Rauschmittel in Europa. Während der Tabakkonsum der 12-17-Jährigen in Deutschland auf einem Allzeittief von 5,6 Prozent angelangt ist und auch der Alkoholverbrauch sich rückläufig entwickelt, greifen immer mehr Jugendliche zu THC-haltigen Produkten. Der Forschungsbericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt für das Jahr 2018 eine Lebenszeit-Prävalenz für zehn Prozent in dieser Altersgruppe: Das bedeutet, jede:r Zehnte zwischen 12 und 17 Jahren hat bereits einmal im Leben Hanfprodukte ausprobiert. In den letzten zwölf Monaten vor der Befragung hatten immerhin acht Prozent der Jugendlichen Cannabis konsumiert. Regelmäßigen Konsum gaben 1,6 Prozent der Befragten an. Verschiedene Stellen beobachten die Daten mit Besorgnis.

Führen Verbote zu niedrigeren Konsumquoten?

Doch die Befürchtung, dass liberale Cannabis-Gesetze automatisch zu bedenklicheren Zahlen führen, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Fehlschluss: So ist Frankreich der europäische Spitzenreiter der 30-Tage-Prävalenz unter Jugendlichen. Dabei ist Genusscannabis in der Grande Nation immer noch verboten. Liberale Länder wie Portugal oder die Niederlande schneiden dagegen deutlich besser ab. Auch in Kanada blieb der Anteil jugendlicher Konsument:innen nach der Legalisierung konstant bzw. nahm sogar ab. Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags sowie eine vergleichende Studie von 38 Ländern kommen zusammenfassend zu dem Schluss, dass zwischen liberalen Drogengesetzen und jugendlichem Konsumverhalten kein kausaler Zusammenhang belegbar ist.

Eine vergleichende Studie von 38 Ländern kommt zusammenfassend zu dem Schluss, dass zwischen liberalen Drogengesetzen und jugendlichem Konsumverhalten kein kausaler Zusammenhang belegbar ist.

Gleichwohl verweist der Europäische Drogenbericht 2022 auf einen insgesamt signifikanten Anstieg von 45 Prozent bei den Erstbehandlungen wegen Cannabis-Problemen im Zeitraum von 2009 und 2019 –  und das ganz unabhängig von den jeweils herrschenden Gesetzen. Relevant hierfür scheint die starke Erhöhung des THC-Gehalts etwa in synthetischen Cannabinoiden und das fehlende Bewusstsein für diese Gefahr. Der Bericht verweist auf die hohe Relevanz der Problematik: Warnungen vor im Markt umläufigen Produkten wurden von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) bereits herausgegeben. Wirksame staatliche Qualitätskontrolle der Hanfprodukte wird jedoch erst durch eine Legalisierung möglich. So argumentiert der Koalitionsvertrag der deutschen Bundesregierung ausdrücklich im Sinne des Jugendschutzes – verankert aber gleichzeitig die Notwendigkeit zu umfassender Präventionsarbeit.

Vorsicht vor Verharmlosung: Starker Konsum ist für junge Menschen ein Risiko

Denn wenn es um Cannabis geht, ist das Alter mehr als nur eine Zahl. Tatsächlich ist es ein entscheidender Faktor dafür, wie gefährlich die Substanz für Konsument:innen werden kann, da sich das zentrale Nervensystem im jungen Alter noch im Aufbau befindet. Und ein zu häufiger oder starker Konsum von THC stört diesen empfindlich: So wirkt die Substanz direkt auf den präfrontalen Cortex ein: Dieser ist zuständig für Aufmerksamkeit, Entscheidungen, Problemlösung, Planung und Antizipation. Er gilt als Sitz der Persönlichkeit. Ist er beeinträchtigt, kann es nicht nur zu Lernschwächen, sondern sogar zu schizophrenen Episoden oder Psychosen kommen.

Mögliche Folgen von Cannabiskonsum in der Jugend:

Die Risiken von zu starkem Cannabis-Konsum bei Jugendlichen sind also vielfältig und ernst zu nehmen:

  • Beeinträchtigung des präfrontalen Cortex und damit der altersgerechten Entwicklung
  • Negative Auswirkungen auf kognitive und soziale Prozesse, wie z. B. die Verringerung der Konzentration und des Problemlösungsvermögens
  • Abfall der schulischen wie beruflichen Leistungsfähigkeit 
  • Förderung psychotischer Störungen bei Menschen mit entsprechender Veranlagung
  • Entwicklung affektiver Angststörungen oder Depressionen
  • Wahrscheinlichkeit einer akuten oder späteren Cannabisabhängigkeit höher als bei Erwachsenen

Cannabiskontrollgesetz muss Prävention umfassend fördern

Eric Cloutier, Head of Medical Science der Vayamed GmbH, erläutert: „Jugendpsychiater:innen berichten von einer gewissen Erholung der kognitiven Funktionen, wenn die Patient:innen eine längere Zeit abstinent bleiben. Ob man hier aber wirklich von einer Art biologischen Reparation ausgehen kann, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht geklärt. In dieser Altersgruppe halte ich daher höchste Vorsicht für dringend geboten.“

„In dieser Altersgruppe halte ich höchste Vorsicht für dringend geboten.“

In diesem Zusammenhang fordert auch die Bundesarbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendschutz (BAJ) eine deutlich verstärkte Präventionsarbeit und ausreichend Beratungsangebote, sowie die Ausweitung der Forschung zu psychosozialen Folgen bei Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig spricht sie sich angesichts der konstant steigenden Konsument:innenzahlen klar für eine Entkriminalisierung von Cannabiskonsum auch bei Minderjährigen aus – denn gerade für diese Gruppe ist das Abdrängen auf den illegalen Schwarzmarkt verheerend.

Fazit: Aufklärung bietet besseren Schutz als Verbotspolitik

Der Ländervergleich legt nahe, dass restriktive Gesetze Jugendliche keineswegs vom Konsum selbst abhalten. Denn die Gründe, aus denen junge Menschen zu Cannabis greifen sind ganz unterschiedlicher Natur: Sie reichen von Neugier über Gruppenorientierung bis hin zu Kompensation von schwierigen familiären oder wirtschaftlichen Verhältnissen – und all dem kann man mit einem vollständigen Cannabisverbot nicht vorbeugen. Gleichzeitig zwingen die steigenden Konsument:innenzahlen Politik zum Handeln. Denn die auf dem Schwarzmarkt erhältlichen THC-potenten und teilweise verunreinigten Sorten sind gerade für die vulnerable Altersgruppe hochgefährlich. Der rückläufige Konsum von Tabak und Alkohol zeigt eindrücklich, wie viel gut konzipierte Präventionsarbeit ausrichten kann. Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen scheint also gerade in diesem zunehmend komplexen Marktkontext die effizientere Waffe. Entsprechende Kampagnen und Beratungsangebote können über Steuereinnahmen von lizensiertem Cannabis-Verkauf finanziert werden. So kann die Legalisierung nicht nur Qualitätskontrolle der Cannabis-Produkte selbst gewährleisten, sondern auch die aktive Unterstützung Jugendlicher auf dem Weg zu gesunden Entscheidungen.

Factsheet

FAQ

  • Ist der Cannabiskonsum für Jugendliche legal?
    Nein. Aktuell ist eine kontrollierte Abgabe an Erwachsene im Gespräch. Für Minderjährige wird auch nach der Legalisierung der Konsum von Cannabis nicht erlaubt sein. Seit 2017 ist lediglich die Verschreibung von Medizinalcannabis in Deutschland möglich.
  • Würde die Legalisierung von Cannabis den Jugendschutz fördern?
    Ja. Während Verbote die Jugendlichen auf den Schwarzmarkt mit seinen zweifelhaften Angeboten drängen, kann durch die Legalisierung Einfluss auf die Qualität der Cannabis-Produkte genommen werden. Aus der Legalisierung gewonnene Steuereinnahmen können zudem umfassende Präventionskampagnen und Beratungsangebote finanzieren, um Minderjährige ausführlich über die Folgen von Haschisch und Marijuana aufzuklären.
  • Welche Auswirkungen hat der Cannabiskonsum bei Jugendlichen?
    Im jungen Alter befindet sich das zentrale Nervensystem im Aufbau. Das Gehirn selbst entwickelt sich bis etwa zum 22. Lebensjahr. Ein Übermaß an THC kann durch seine direkte Einwirkung u.a. auf den präfrontalen Cortex zum Verhängnis werden: Sowohl die kognitive Leistung als auch die psychische Stabilität können stark beeinträchtigt werden.

Nach langer Pandemiezeit mit Kontaktbeschränkungen war es am vergangenen Wochenende endlich soweit: Zahlreiche Teilnehmende sind der Einladung des Deutschen Hanfverbandes (DHV) nach Berlin gefolgt und haben gemeinsam mit Aktivist:innen, Politiker:innen und Wissenschaftler:innen auf der Cannabis Normal! Konferenz (CaNoKo) zur Legalisierung von Genusscannabis diskutiert. Anlässlich des vom Sucht- und Drogenbeauftragten der Bundesregierung Burkhard Blienert gestarteteten Konsultationsprozesses zum Gesetzentwurf wurden Stimmungsbilder der Cannabis-Community eingeholt, die in die Überarbeitung des DHV-Eckpunktepapiers einfließen und in der weiteren politischen Arbeit des DHV berücksichtigt werden sollen.

Politischer Kick-Off “Quo vadis, Legalisierung?”

Passend zum Anlass der Konferenz startete das Programm am Freitagabend mit einer hochkarätig besetzten, politischen Podiumsdiskussion: Carmen Wegge von der SPD, Dr. Kirsten Kappert-Gonther von Bündnis 90/Die Grünen, Kristine Lütke von der FDP stellten sich den Fragen des DHV-Geschäftsführers Georg Wurth und der Community. Damit waren Repräsentantinnen aller Ampelparteien vertreten. Ates Gürpinar, zuständig für das Thema bei den Linken, fiel unfallbedingt leider aus, ließ dem Publikum jedoch ein schriftliches Grußwort zukommen. Darin berichtete er, dass seine Partei noch drei parlamentarische Anträge vor der Sommerpause zum Thema Cannabis einreichen werde.

Während der Podiumsdiskussion wurde deutlich: Es herrscht prinzipieller Konsens zwischen den Regierungsparteien mit Blick auf die kontrollierte Abgabe von Cannabis als Genussmittel für Erwachsene. Jetzt geht es “nur” noch um die Beratung der Details. Doch auch Hürden stünden der Legalisierung noch entgegen, so Carmen Wegge MdB, insbesondere die notwendige Zustimmung des Bundesrats sowie völker- und europarechtliche Fragestellungen. Mit Blick auf beide Themen zeigten sich die Abgeordneten verhalten optimistisch, was das Zustandekommen des Gesetzes angeht.

V. l. n. r.: Georg Wurth (DHV), Kristine Lütke MdB, Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB, Carmen Wegge MdB

Im Frage-und-Antwort-Ping-Pong wurden u. a. die Themen Eigenanbau, Lizensierung, Abgabestellen, Konsummöglichkeiten, Straßenverkehr, Medizinalcannabis und Nutzhanf diskutiert. Die Forderung der sofortigen Entkriminalisierung lehnten die Podiumsdiskutantinnen mit Hinweis auf die Verzögerung und prinzipielle Gefährdung des aktuell laufenden Gesetzgebungsprozesses zum Unmut vieler Community-Mitglieder ab.  

Dennoch wurde im Laufe der Diskussion klar: So weit war man mit Blick auf die Legalisierung von Genusscannabis noch nie und die Politik setzt sich gerade intensiv mit verschiedensten Aspekten der Regulierung auseinander. Und zwar nicht nur durch die (digitale) Teilnahme an den Anhörungen im Bundesgesundheitsministerium, sondern auch fraktionsintern. Das Eckpunktepapier der SPD soll beispielsweise noch vor der Sommerpause veröffentlicht werden. Das Engagement von Frau Wegge, Frau Dr. Kappert-Gonther und Frau Lütke wurde nach 90 Minuten Diskussion mit viel Applaus wertgeschätzt.

Spannende Diskussionen zu Legalisierungsdetails

Früh am Samstagmorgen begann die inhaltliche Arbeit der Konferenzteilnehmenden. In elf thematisch breit gefächerten Sessions wurden die verschiedenen Aspekte der Legalisierung besprochen. Nach einem kurzen inhaltlichen Impuls, der als Einleitung zum Thema diente, gab es ausreichend Raum für Diskussionen und die Einholung des Meinungsbildes des Publikums zu vorab definierten Leitfragen. 

Die Themen waren breit gefächert und zogen sich durch die gesamte Wertschöpfungskette der Cannabisregulierung bis hin zu Themen wie Jugendschutz, Amnestie und die Evaluierung der Legalisierung. So gab es u.a. auch Sessions zu Anbau, Führerschein, Anbauclubs, Produktregulierung, Verkaufspersonal, Produktverpackung und Höchstmengen. 

Hier ein kleiner Einblick aus zwei aus unserer Sicht interessanten Sessions:

Session: Führerschein und Cannabiskonsum

Bei der Session zum Thema Führerschein und Cannabiskonsum waren sich die Anwesenden einig: Die bestehenden Regulierungen im Verkehrsstrafrecht und in der Fahrerlaubnisverordnung diskriminieren Konsument:innen. Ein alternatives Messverfahren zur Definition von Drogenfahrten solle herangezogen werden, sobald diese wissenschaftlich valide vorgelegt werden. Stimmen wurden darüber hinaus laut, dass mit Blick auf THC-Grenzwerte im Blut unbedingt zwischen Medizinal- und Genusscannabiskonsum unterschieden werden müsse. Dr. Bernd Werse von der Goethe-Universität Frankfurt hielt den Kurzimpuls, moderiert wurde vom stellvertretenden Juso-Bundesvorsitzenden Lasse Rebbin.

Die Session zum Thema Führerschein; Dr. Bernd Werse (links), Lasse Rebbin (rechts)

Session: Bunte Vielfalt und ihre Grenzen

In der Session “Bunte Vielfalt und ihre Grenzen” wurden unter der Moderation von Simon Kraushaar (DHV) verschiedene Aspekte der Produktregulierung besprochen. Dr. phil. Gerrit Kamphausen vom Centre for Drug Research FFM betonte in seinem Kurzimpuls, dass Produktvielfalt wichtig sei, um den illegalen Markt zu verdrängen. Die Anwesenden sprachen sich darüber hinaus für transparente Deklarierungsangaben und ausreichend Verbraucher:innen-Informationen aus.

Nach zahlreichen spannenden Diskussionen – bei denen man selbst am heißen Sommerwochenende in der Alten Münze einen kühlen Kopf bewahren konnte – ging der Abend in den gemütlichen Teil über. Nach dem Abendessen durfte bei und nach der Award-Verleihung des Hanfadlers dann gemeinsam gefeiert werden.

Persönlicher Austausch im Fokus

Das Abschluss-Panel am Sonntagmorgen rundete die Konferenz ab. Hier wurden die Meinungsbilder aus den Sessions des Vortages kurz vorgestellt und offenes Feedback der Teilnehmenden zur dritten CaNaKo eingeholt. Hier wurde insbesondere der intensive, endlich wieder persönlich stattfindende, inhaltliche Austausch zwischen den Teilnehmenden positiv hervorgehoben.

Auch wir von der Sanity Group können uns diesem Feedback nur anschließen. Wir durften an unserem Stand und darüber hinaus zahlreiche spannende Gespräche führen und freuen uns, dass so viel Interesse seitens der Teilnehmenden bestand.

Die Sanity Group war u. a. in Person von Ruben, Antonia und Antje auf der CaNoKo vertreten.


Um sich der Geschichte von Cannabis anzunähern, lohnt ein Blick Richtung Asien, wo die Hanfblätter als Kultur- und Heilpflanze bereits vor Tausenden Jahren verwendet wurden. Die Geschichte von Cannabis in Deutschland ist hingegen besonders geprägt von Hanf als Nutzpflanze zur Herstellung von Papier oder Seilen. Während hierzulande derzeit eine Legalisierung von Cannabis seitens der deutschen Bundesregierung angestrebt wird, durchläuft die Pflanze in anderen Ländern wie den USA oder den Niederlanden schon länger einen Prozess der Entkriminalisierung und wird von der Politik liberaler betrachtet.

  • Die Kulturgeschichte der Hanfpflanze
  • Cannabis in Europa – ein Überblick
  • Cannabis-Geschichte in Deutschland
  • Die Prohibition und das Cannabis-Verbot
  • Politik und Legalisierung von Cannabis

Die Kulturgeschichte der Hanfpflanze

Cannabis gilt in vielen Kreisen der Welt als älteste Kulturpflanze und wurde bereits vor 12 000 Jahren in Persien und China als Getreide angebaut. Auch in Indien legte man schon vor 5 000 Jahren verletzten Kriegern Hanfblätter auf die Wunden, um die Schmerzen zu lindern. In der ayurvedischen Kultur wurde die Pflanze aufgrund ihrer halluzinogenen Wirkung vom enthaltenen THC geschätzt. Zum Einsatz kam der Konsum von Cannabis zum Beispiel beim Meditieren oder um Ängste und Stress zu behandeln. Anders als in China und Indien wurde der berauschenden Wirkung in Europa zuerst wenig Bedeutung beigemessen. Die Hanfprodukte gelangten über den Seeweg nach Griechenland, wo sie als Segel für Schiffe oder andere nützliche Materialien verwendet wurden.

Cannabis in Europa – ein Überblick

Der Konsum und Verkauf von Cannabis wird in den europäischen Staaten sehr unterschiedlich reguliert. Sogar die Niederlande überraschen mit stärkeren Regulierungen als man vielleicht vermuten würde.

  • Deutschland: Hierzulande ist Cannabis bislang nur auf ärztliches Rezept für Menschen mit einer schweren Erkrankung erhältlich. Seit 2017 ist die Gabe von Cannabis als Medizin in Deutschland wieder legal. Die neue Ampel-Koalition plant nun, eine kontrollierte Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken an Erwachsene einzuführen.
  • Schweiz: Das Mitführen von weniger als zehn Gramm gilt hier als Ordnungswidrigkeit. Der Verkauf ist erlaubt, sofern die Pflanze einen THC-Gehalt von unter einem Prozent aufweist. Dennoch kann man nicht von einem legalen Gebrauch sprechen.
  • Niederlande: Offiziell ist Cannabis auch in den Niederlanden illegal, obwohl jedes Jahr viele Touristen extra nach Amsterdam reisen, um vermeintlich sorgenlos Marijuana zu rauchen. Der Unterschied zu anderen Ländern ist, dass sowohl der Anbau und Verkauf als auch der Konsum straffrei sind und somit geduldet werden. In 2021 wurden die Regeln noch einmal verschärft. Seitdem werden in den meisten Coffeeshops nur noch Cannabisprodukte aus lizenzierten Anlagen verkauft.
  • Luxemburg: Der Konsum im öffentlichen Raum ist verboten – zu Hause jedoch erlaubt. Die Strafe für den Besitz von bis zu drei Gramm Cannabis wurde von 250 bis 2 100 Euro heruntergesetzt auf 145 Euro. Ein Eintrag ins Strafregister entfällt. Über drei Gramm greifen hingegen die alten Regeln. Dennoch: Pro Haushalt sollen von Volljährigen künftig bis zu vier Pflanzen zu Hause angebaut dürfen, eine THC-Obergrenze existiert nicht. Allerdings dürfen die Samen nur von Erwachsenen an Erwachsene verkauft werden. Wer allerdings mit THC im Blut beim Fahren erwischt wird, riskiert bis zu drei Jahren Haft.  
  • Frankreich: Frankreich hat eine der höchsten Konsument:innenquoten in der EU. Und hat gleichzeitig mit die härteste Gesetzgebung. In Frankreich sind weder der Konsum noch Anbau erlaubt. Während der Besitz von Cannabis bis zu 100 Gramm mit verhältnismäßig milden Geldbußen von 150 bis 200 Euro belegt wird, stehen auf den Hanfanbau drakonisch hohe Strafen. Seit März 2022 ist Medizinalcannabis unter bestimmten Auflagen legal. 
  • Italien: In Italien dürfen Sorten von bis zu 0,6 % THC legal angebaut werden. Der Besitz für den Eigenkonsum ist entkriminalisiert. Anbau für den Eigenbedarf stellt in geringen Mengen keine Straftat dar. 
  • Schweden: In Schweden sind sowohl Besitz als auch Konsum illegal. Selbst Medizinalcannabis wird sehr restriktiv gehandhabt. 
  • England: Der Besitz von Genusscannabis ist prinzipiell illegal, wird bei kleineren Mengen für den Eigengebrauch aber lediglich mit milden Bußgeldern belegt. 
  • Spanien: In Spanien, vor allem in Katalonien und auf den kanarischen Inseln, gibt es sogenannte „Cannabis Social Clubs“, in denen der Konsum von Cannabis geduldet wird (mehr zum Thema im Blogartikel hier). Davon ab gilt in Spanien jedoch generell nach wie vor: Der Konsum und Verkauf von Cannabis ist verboten.
  • Portugal: Um das Jahr 2000 herum hat die portugiesische Regierung den Besitz von geringen Mengen an Cannabis entkriminalisiert. Seither gilt es als Ordnungswidrigkeit und nicht als Straftat. Das heißt, beim Mitführen von über 25 Gramm Marijuana wird man nicht verhaftet, sondern muss einen Arzt oder Psychologen aufsuchen.

Cannabis-Geschichte in Deutschland

Die Cannabispflanze fand auf diversen Kontinenten und Ländern als Kulturpflanze ihren ersten Nutzen – auch in Deutschland: Hier wurde ab dem 13. Jahrhundert aus der Hanfpflanze Papier hergestellt und für den Buchdruck verwendet. Im Jahr 1455 druckten die Menschen die erste Gutenberg-Bibel auf Blättern, die aus Cannabisfasern gepresst wurden. Eine weitere Verwendung von Hanf galt – und gilt bis heute – der Herstellung von Garnen und Seilen. Die widerstandsfähigen Fasern boten einen nützlichen Rohstoff für die damalige Textilwirtschaft. Im 17. Jahrhundert wurden Cannabispflanzen in Deutschland besonders stark angebaut.
Das Verbot für den Freizeitkonsum Anfang des 20. Jahrhunderts hatte allerdings einen negativen Einfluss auf die landwirtschaftliche Nutzung. Erst seit 1996 dürfen Landwirt:innen Cannabis wieder als Nutzpflanze auf ihren Feldern anbauen. Seitdem werden die Vorteile der Pflanze für die ökologische Landwirtschaft wiederentdeckt: Hanf wächst schnell, bildet tiefe Wurzeln und braucht dadurch weniger Wasser für die Bewässerung der Flächen. Auch Schädlinge wie Läuse oder Pilze sind sehr selten auf der Hanfpflanze zu finden. Dass sie zudem weniger Anbaufläche als Holz benötigt, macht sie auch aus ökologischer Sicht interessant.

Schon gewusst? 
Cannabis ist das lateinische Wort für Hanf. Das bedeutet, es gibt keinen Unterschied zwischen den beiden Begriffen. Hanf und Cannabis könnten demnach synonym verwendet werden. In Deutschland wird Cannabis aber häufig als Oberbegriff für die vielen verschiedenen Hanfpflanzen und THC-haltigen Produkte genutzt.

Die Prohibition und das Cannabis-Verbot

Der deutsche SPD-Politiker Burkhard Blienert ist seit 2021 Beauftragter der Bundesregierung für Drogen- und Suchtfragen und hält das Cannabis-Verbot für gescheitert. Aber wann wurde Cannabis in Deutschland eigentlich verboten? Und warum? „Das Cannabis-Verbot ist keine deutsche Erfindung“, sagt Georg Wurth, Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbands. In der Tat wurde die erste Debatte über die Eindämmung des Cannabishandels 1912 auf der Internationalen Opiumkonferenz geführt. Eins der großen Mitgliedsländer dieser Konferenz waren die USA – wo die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Hanfpflanze von unterschiedlichen Wirtschaftszweigen als große strategische Bedrohung empfunden wurde. Ebenso strategisch wurde daher nun das öffentliche Bild von Cannabis Schritt für Schritt einer wundersamen Wandlung unterzogen. Es kam zunehmend zu einer skurrilen Projektion rassistischer Stereotype und paranoider Phobien auf die Pflanze: So unterstellte man ihr die finstere Macht, noch den friedlichsten Menschen zur Killerbestie umzudrehen. Mit dem Poison Act von 1913 erging in Kalifornien ein Verbot von Marihuana. Zahlreiche Staaten, darunter Washington im Jahre 1923, folgten dem Beispiel. Auch in Ländern außerhalb der USA wurde nun zunehmend auf Prohibition gedrängt: In Deutschland trat das Verbot von Cannabis 1929 in Kraft. In den USA selbst wurde das flächendeckende Verbot erst möglich, nachdem man den Mord eines psychisch auffälligen Jugendlichen an seiner Familie fälschlicherweise mit Marihuana in Verbindung brachte – und seine eigentliche Erkrankungsgeschichte wohlweislich unerwähnt ließ.

Politik und Legalisierung von Cannabis

Politiker:innen diskutieren mit der Gesellschaft sowie der Wirtschaft seit vielen Jahren über den richtigen Umgang mit Cannabis. Im Jahr 2015 hat Deutschland den regulierten Import von anderthalb Tonnen pro Jahr für wissenschaftliche Zwecke, Studien und medizinische Ausnahmeverschreibungen beschlossen. Als 2017 das Cannabis-Gesetz griff, durch das seitdem Ärzt:innen ihren Patient:innen mit einer schwerwiegenden Krankheit unter bestimmten Voraussetzungen Cannabis als Medizin verschreiben dürfen, stieg die Importmenge auf zehn Tonnen pro Jahr. Diese verdoppelte sich 2019 und erreichte 2020 sogar 28 Tonnen. Bis 2028 wird das Marktvolumen für medizinisches Cannabis in Deutschland von Analyst:innen auf knapp acht Milliarden Euro geschätzt. Die Nachfrage steigt weiter.

Die neue Bundesregierung spricht sich in ihrem im Winter 2021 geschlossenen Koalitionsvertrag nun auch für eine kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken aus, doch der Umsetzungsprozess ist komplex und vielschichtig. Wann und wie die angestrebte Legalisierung umgesetzt wird, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Es bleibt spannend.

Kontakt

Allgemeine Anfragen senden Sie bitte per E-Mail an info@sanitygroup.com. Zu spezifischen Themen erreichen Sie das zuständige Team über die hier angegebenen Seiten. Weitere Informationen zu Anbaukooperationen und Pilotstudien finden Sie außerdem am Ende der Seite.

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